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Vienna´s weekly European journal

Geschichten von 1000 und einer Aktion

  • Gruppenfoto des KünstlerInnenkollektivs
    monochrom im tiefsten Niederösterreich (2012)
  • Johannes Grenzfurthner wird bei Experimenten bei der Ars Electronica fotografiert
    Johannes Grenzfurthner bei der Ars Electronica
  • Diorama mit gestrickten Puppen
    Diorama in der MUSA Ausstellung
  • Lego-Mäxchen sitzt an einem Tisch, im Vordergrund kleines Fahrzeug
    Installation: Günther Friesinger als Legomännchen mit Roboter
  • Willkommensplakat von monochrom
    Willkommensplakat im MUSA
05. Februar 2013

Geschichten von 1000 und einer Aktion

Noch bis Ende April geht es im MUSA (Museum Startgalerie Artothek) ungewöhnlich zu. Bis dahin nämlich haben die BesucherInnen der Ausstellung „monochrom. Die waren früher auch mal besser“ Gelegenheit, sich mit dem politisch engagierten Werk einer der wohl ungewöhnlichsten österreichischen Künstlergruppen vertraut zu machen.

Sie erzeugten Blutwurst aus dem eigenen Lebenssaft, um es nach den Skandalen der Wiener Aktionisten in die Kronen Zeitung zu schaffen (was misslang), ließen Menschen für 15 Minuten lebendig begraben und sorgten bei der Biennale in São Paulo mit einem erfundenen Künstler für eine gehörige Portion Verwirrung: Auf all das und noch vieles mehr kann die neunköpfige Künstlergruppe „monochrom“ in der 20-jährigen Geschichte ihres Bestehens zurückblicken.

Vermittelt werden dem Publikum die diversen Aktionen samt nachfolgenden Ereignissen mit Hilfe von 23 Dioramen und Installationen. Als solche öffnen sie den BesucherInnen eine Türe in die Vergangenheit. Unter anderem in das Jahr 2007, als die Gruppe bei dem von ihr jährlich veranstalteten „Roboexotica“-Festival – bei dem Roboter Cocktails mixen – beinahe die versammelten amerikanischen Botschaftsmitglieder auslöschte. Ursache war ein defekter „Barkeeper“, der 60 Liter Wodka-Orange über den reichlich mit Steckdosen bestückten Boden goss. Nicht das einzige Mal, dass die Künstlergruppe mit der Gefahr konfrontiert wurde. So entführt eine andere Guckkasteninstallation die BesucherInnen zurück in das Jahr 1995 als zwei der Gruppenmitglieder in der Punk-Hochburg EKH mit Overheadfolien einen Cartoon präsentierten und prompt von einem Betrunkenen mit abgeschlagener Bierflasche in der Hand von der Bühne vertrieben wurden. „Eine wichtige Erfahrung“, so Johannes Grenzfurthner, monochrom-Mitglied der ersten Stunde: „Seitdem weiß ich, dass man sich immer bewusst sein sollte, wo und mit wem man agiert und was man überhaupt will.“

Mann spricht in Mikro und hält Zeichnung mit zwei Männern darauf hoch
Feuerball aus 10.000 Wunderkerzen
monochrom im  Rabenhof Theater

Fotos von den Aktionen und Veranstaltungen: Norbert Neuseelandkiwi, Jean-Luc Picard und Johannes Grenzfurthner (li.); Mitte: FREE BARIUMNITRATE! Ein Opferfeuerball aus 10.000 Wunderkerzen (2007); re.: Musical UDO 77 (2004)

T für Taiwan

Letzteres eine Sache, die sich jedoch nicht immer als kalkulierbar erweist. Denn als monochrom 2001 zur Biennale nach São Paulo aufbrach, wussten die Mitglieder noch nicht, dass die von ihnen erfundene Künstlerfigur Georg Paul Thomann in taiwanesischen Zeitungen als Retter von Taiwan gefeiert werden würde. Ein Ereignis, das darauf zurückzuführen ist, dass die chinesische Regierung die Biennale São Paulo darum ersuchte, das Wort Taiwan als Ortsangabe aus der Beschilderung der Kunstwerke des taiwanesischen Vertreters zu entfernen. Eine Aufforderung, der Folge geleistet wurde, die aber einen empörten Künstler zurückließ. Als Solidaritätsbekundung montierte monochrom das „T“ von Austria ab und schenkte es dem Taiwanesen, überredete dann Kanada, ein „A“ zu spenden usw. bis irgendwann „Taiwan“ zu lesen war und schließlich zur Schlagzeile „Thomann rettete Taiwan“ führte. Was allerdings nur die wenigsten wussten war, dass Thomann selbst nicht existierte. monochrom entsandte den fiktiven Künstler als Protestaktion auf die damalige österreichische Regierung, während die Künstlergruppe selbst als technisches Aufbauarbeiterteam getarnt vorgab, nichts von dem für niemanden zu erreichenden Künstler zu wissen. Der Direktor war empört, denn dieser fand Thomanns Kunst einfach schrecklich. Erst als andere Aufbauarbeiterteams begannen, die wildesten Geschichten über Thomann zu verbreiten, flog die Sache auf. In der Ausstellung erinnert derzeit ein Grabstein an den fiktiven Künstler. Wieso Thomann sterben musste und wo sein Grabstein bis heute überall aufgestellt wurde, ist allerdings eine andere Geschichte.

Und solche Geschichten gibt es viele. Beschrieben sind sie in den Texten neben den Dioramen. Wer jedoch mehr wissen will, dem seien die unzähligen Rahmenveranstaltungen ans Herz gelegt. Hier können BesucherInnen unter anderem Videos sehen „die wir eigentlich lieben, aber trotzdem nicht herzeigen sollen“, „Videos, die wir eigentlich hassen, aber trotzdem herzeigen wollen“ und Ideen vorstellen, die „monochrom vielleicht für Sie durchziehen kann“. Alles eine wunderbare Gelegenheit, sich mit dem vielschichtigen Werk einer der interessantesten österreichischen Künstlergruppen auseinanderzusetzen. Tatsächlich ist jene Mischung aus technischem Know how, politischem Engagement und hintergründigem Humor in der Kunstwelt eine eher rare Angelegenheit.

monochrom – Die waren früher auch mal besser
noch bis 27. April 2013

MUSA – Museum Startgalerie Artothek
Felderstraße 6-8
1010 Wien
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 11.00 bis 18.00 Uhr, Do 11.00 bis 20.00 Uhr, Sa 11.00 bis 16.00 Uhr
Eintritt frei!
www.MUSA.at

sasch