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Vienna´s weekly European journal

Auf den Spuren von Josefine Mutzenbacher

28. August 2012

Wiener Stadtspaziergang

Auf den Spuren von Josefine Mutzenbacher

1: Cafe Griensteidl
2: Neubadgasse
Im Café Griensteidl (l.) und in der Neubadgasse (r.) im ersten Bezirk gingen früher die Dirnen ein und aus

Was hat Bambi mit einer Wiener Dirne des 19. Jahrhunderts zu tun? Was ist die Polstermethode oder gar eine Porzellanfuhr? Diese und ähnliche Fragen werden in der Stadtführung „Josefine Mutzenbacher – Auf den Wegen der Lust im Alten Wien“ beantwortet. Neugierig? wieninternational.at gibt einen kleinen Vorgeschmack auf diesen etwas unanständigen Stadtspaziergang.

All jene, die Wien von seiner verruchten Seite kennen lernen wollen, treffen sich zu Beginn der Stadtführung auf dem Michaelerplatz. Unweit vom Café Griensteidl, wo Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Journalist und Autor des Kinderbuchs „Bambi“, Felix Salten, aus- und eingegangen ist. Ebendort saßen zu Kaiserzeiten gerne Dirnen an den Fenstertischen und warteten auf ihre Kavaliere. Erkennbar waren die Hübschlerinnen, wie sie auch genannt wurden, nicht etwa an ihrem Äußeren, denn damals zeigten selbst Prostituierte kaum Haut. Nur wenn eine Dame auf Blickkontakt mit einem Mann den Rock etwas gehoben hat und der Knöchel zum Vorschein kam, wusste der jeweilige Freier, dass er es mit einer Dirne zu tun hatte und folgte ihr möglichst unauffällig aus dem Lokal.


3: Seren Nannetten
Bei Staatsbesuchen und anderen Feiern ging es heiß her

Die Wiener Vorzeige-Dirne
Felix Salten lauschte im Café Griensteidl gerne den anderen Männern, wenn sie von ihren amourösen Abenteuern erzählten und den Spezialitäten der einzelnen leichten Mädchen schwärmten. 1906 erschien der anonyme erotische Roman „Josefine Mutzenbacher oder die Geschichte einer Wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt“, der dem Bambi-Autor zugeschrieben wird. „Ob es Josefine Mutzenbacher wirklich gegeben hat, ist nicht bewiesen. Sicher ist, dass eine einzelne Frau nicht soviel erlebt haben kann wie die Romanfigur“, verrät Jennifer Faulkner, von der die Führung diesmal im Auftrag von Anna Ehrlich geleitet wird.
Eine integrierte Randgruppe
Im Mittelalter waren Prostituierte in die Gesellschaft integriert. So gehörte es zum guten Ton, dass sie zu Hochzeiten geladen wurden, um etwa der Braut Tipps für die Hochzeitsnacht zu geben. Für Staatsbesuche wurden die schönsten Dirnen mit einem neuen Kleid und einem Stab ausgestattet und dazu angehalten, ihre Wohnungen sauber zu machen. Pro Herrenbesuch ließen sie beim Kerbmeister eine Kerbe in den Stab ritzen und kassierten dementsprechend ihren Lohn. Trotzdem waren Prostituierte mit einem gelben Tuch, das sie über die Schulter tragen mussten, gekennzeichnet, gehörten also damit eindeutig zu einer Randgruppe.


4: Maedchen
5: Verhaftung
Die "Halbseidenen" waren zwar einerseits integriert, wurden aber andererseits für ihre Tätigkeit verurteilt

Verruchtes Wien
Im 16. Jahrhundert kam Ferdinand I. aus dem prüden Spanien nach Wien und ließ die Bordelle verbieten. Bis heute gibt es offiziell keine in der Stadt, sie nennen sich stattdessen Nacht- oder Erotikclubs. Das Verbot bedeutete für die Prostituierten, dass sie nicht geschützt waren, also schlossen sie sich zu viert oder fünft zu  Arbeitsgemeinschaften zusammen. Die Hübscheste machte an einer Straßenecke unauffällig einem Freier schöne Augen, eine andere brachte den Interessierten in ihre Wohnung, wo der Kavalier schließlich selten die Hübsche von der Straße vorfand. Da half nur die Polstermethode – während des Aktes wurde das Gesicht der Frau mit einem Polster verdeckt.
Im „Geschäft“ oder in der Kutsche
Betuchtere Leute konnten es sich nach dem Bordellverbot leisten, so genannte „Scheingeschäfte“ zu besuchen. An ihren Eingängen waren Papageienkäfige angebracht, ganz nach dem Motto „Wo draußen hängt ein Papagei, ist drin die Mamagei nicht weit“. In der Naglergasse im ersten Bezirk, wo die Hufschmiede zuhause waren, saßen im ersten Stock entlang einer ganzen Häuserfront Dirnen, die seidene Bändchen herunterhängen ließen. Die Farbe eines Bändchens gab Eingeweihten Auskunft über die jeweilige Spezialität der auch „Halbseidene“ genannten Damen. Wieder andere vergnügten sich im Fiaker. Der Kutscher wusste durch den Auftrag „A Porzellanfuhr, bitte!“ Bescheid, dass den Fahrgästen die Route herzlich egal war.


6: Spittelberg
Das ehemalige Wiener Rotlichtmilieu: der Spittelberg

Zwiegespaltenes Kaiserhaus
Dass Untreue bei Männern ein Kavaliersdelikt war, bei Frauen aber bis zur Todesstrafe geahndet wurde, ist bekannt. Auch im Kaiserhaus waren die Sitten nicht anders als im gemeinen Volk. So wurde Prinz Stefan von Lothringen als Vorbereitung auf seine Ehe mit Maria Theresia auf die zwei Arten der Jagd mitgenommen. Es ging sogar soweit, dass er mit einer anderen Frau seine Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellen musste, bevor die Hochzeit mit der Kaiserin fixiert wurde. Auch in der Ehe legte Stefan von Lothringen keinen Wert auf Treue, während die 16-fache Mutter Maria Theresia sowohl prüde als auch rasend eifersüchtig gewesen sein soll. Während er sich in der Wallnerstraße gegenüber der Neubadgasse, wo einst eine Badestube und ein Bordell zu finden waren, ein Kaiserhaus für seine amourösen Audienzen errichten ließ, ordnete sie an, dass Frauen ohne Begleitung nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf der Straße gesehen werden durften. Und sie ließ den Irrgarten in Schönbrunn niedermähen, wo sich bekanntlich Liebespaare zum Stelldichein trafen. Sie führte eine Keuschheitskommission ein, die streng gegen Unsittlichkeit verfuhr. Diese war etwa am Spittelberg, dem damaligen Rotlichmilieu, im Dauereinsatz.

Geschichten rund um die Liebe und Erotik im Kaiserhaus erfährt man aber in einer anderen Führung. Der Titel „Eros und Habsburg – Skandalgeschichten aus dem Kaiserhaus“ klingt vielversprechend. wieninternational.at ist jedenfalls auf den Geschmack gekommen.







Info:
Josefine Mutzenbacher – Auf den Wegen der Lust im Alten Wien
Treffpunkt zur Führung: Michaelerplatz Mitte, Ausgrabungen
Termine: Ganzjährig samstags 14 Uhr, April bis Oktober zusätzlich dienstags 14 Uhr, auch am Faschingsdienstag und zu Silvester.
Kosten: € 14,-
Ab 14 Jahren

Sonderführungen zu anderen Terminen und in anderen Sprachen jederzeit auf Anfrage möglich.
Kontakt: DDr. Anna Ehrlich, office@wienfuehrung.at; T: +43/676/922 77 73
www.wienfuehrung.com



Tipp:
Anna Ehrlich: Auf den Spuren der Josefine Mutzenbacher – eine Sittengeschichte. Amalthea Verlag, Neuauflage 2012
ISBN 3-85002-778-6
www.amalthea.at

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