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Vienna´s weekly European journal

Der Vergleich macht sicher

19. Juni 2012

Jazz Fest Wien

Der Vergleich macht sicher

1: Herbie Hancock
Pianolegende Herbie Hancock: Vom Miles Davis Sideman über den Elektrofunk-Pionier, der virtuose Musiker ist seit rund 40 Jahren einer der Trendsetter des Jazz

Das Jazzfest Wien gehört zu den hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihen in Wien. Der Begriff Jazz ist in diesem Kontext am besten mit „hervorragende MusikerInnen und SängerInnen“ zu übersetzen.

Obwohl oder eben gerade weil die Musikindustrie sich im Sinkflug befindet, an tollen MusikerInnen herrscht kein Mangel. Es gibt sie, dem Namen des Festivals folgend, natürlich im Jazz selbst, aber CharismatikerInnen und VirtuosInnen finden sich auch in Pop, Rock, Funk, Blues, Soul, World und was es da sonst noch so alles gibt an näherer und weiterer Jazz-Verwandtschaft. Die besondere Qualität des Jazz Festes Wien besteht darin, eine vielfältige Auswahl von TopmusikerInnen in erstklassigen Wiener Locations zu präsentieren. Ob in der Wiener Staatsoper, im Innenhof des Wiener Rathauses oder bei den „Fernwärme-Konzerten“, es herrscht stets eine ganz besondere Atmosphäre.


2: Jazz Fest Wien Logo
3: Sharon Jones
Schüchtern schaut sie nicht gerade aus, die Soulsängerin Sharon Jones. Kein Wunder, angesichts ihres beruflichen Werdegangs

Die Entdeckungen
Manchmal überraschen und begeistern eher unbekannte MusikerInnen, die man, ohne dass sie im Rahmen des Jazz Festes gespielt hätten, vielleicht gar nicht für sich entdeckt hätte. Mina Agossi beispielsweise, die französische Jazzsängerin mit afrikanischen Wurzeln, legte 2006 im Arkadenhof des Rathauses einen derart fulminanten Auftritt hin, dass danach ein regelrechter Run auf ihren CD-Tisch einsetzte. Ein solch überraschendes Wow-Erlebnis könnte in diesem Jahr die US-amerikanische Soulsängerin Sharon Jones sein, die am 9. Juli im Rathaus-Arkadenhof zu erleben sein wird. Als Gefängniswärterin im berühmt/berüchtigten Knast von Rikers Island (New York) hat sie die harten Seiten des Lebens zu Genüge kennen gelernt. Umso intensiver ist ihr gefühlvoller (und gar nicht schmuseweicher) Soul. Der Geheimtipp des Jazz Fest 2012.
Der Tipp
Alles andere als geheim, aber ein todsicherer Tipp ist das Akustikkonzert von Joe Bonamassa mit seiner Band am 3. Juli in der Staatsoper (letztes Jahr war er mit seinem Nebenprojekt „Black Country Communion“ in der Staatsoper). Zwar wird Bonamassa allseits als neuer Gitarrengott gefeiert, aber diese einengende Belobhudelung unterschlägt vollkommen, dass er einer der wenigen ist, die sowohl mit der Gitarre, als auch singend intensive Gefühle musikalisch transportieren können. Anders gesagt: Er erfreut nicht zwei Stunden lang in affenartiger Geschwindigkeit alle Gitarrenonanisten im Publikum. Nein, Bonamassa macht Musik, die berührt. Normalerweise verzaubert er das Publikum mit der E-Gitarre, dieser Abend steht aber im Zeichen der Akustikgitarre.


4: Melody Gardot
5: Joe Bonamassa
6: John Scofield
V.l.n.r.: DIE Neuentdeckung der vergangenen Jahre: Melody Gardot; bereits mit 34 Jahren eine Gitarrenlegende: Joe Bonamassa; immer wieder ein Ohrenschmaus: John Scofield

Die Großen
Manchmal sind es aber auch die ganz Großen, die beim Jazz Fest beweisen, warum sie die ganz Großen sind. Beach Boy Brian Wilson zeigte 2007 in der Staatsoper, weshalb er als exzentrisches Genie bezeichnet wird. Wie er da mit linkischer Gestik seine vielköpfige Band durch ein Dutzend seiner Hits und somit durch allerlei instrumentale, vor allem aber gesangliche Harmonieuntiefen lotste, das war ein wirkliches Erlebnis. Ebenso wie der Auftritt von Jazzgroßmeister Herbie Hancock 2010 in Socken – weil seine Violinistin Lili Haydn Probleme mit ihren Absätzen und einem Loch in der Bühne hatte, zog der Meister kurzerhand auch seine Schuhe aus, spielte gut gelaunt in Socken und spielte zum Niederknien schön. Wenn er diesmal am 5. Juli mit seinem Quartett in der Staatsoper aufspielt, wird der frischgebackene UNESCO Botschafter das edle Schuhwerk wohl anbehalten, aber ein weiteres Mal das Publikum mit seinem Klavierspiel in seinen Bann ziehen. Wem es gegeben ist, Musik zu genießen, dem laufen beim Gedanken an dieses Konzert wahrscheinlich jetzt schon heißkalte Schauer über den Rücken.


7: Keith Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette
Keith Jarrett mit den kongenialen Mitmusikern Gary Peacock (l.) und Jack DeJohnette (r.)

Die selten Großen
Jetzt bräuchte es eine Steigerungsform für die heißkalten Schauer, denn das Konzert, von dem am 8. Juli die BesucherInnen des Wiener Konzerthauses schwärmen werden, umweht beinahe der Hauch des historischen Ereignisses. Nicht nur wird der einzige Weltstar der Jazzklavier-Improvisation, Keith Jarrett, eines von insgesamt sechs (sechs!) Europakonzerten in Wien geben, er wird vor allem erstmals nach 23 Jahren wieder mit seinen kongenialen Bassisten und Drummer Gary Peacock und Jack DeJohnette spielen. Obendrein hat er vor wenigen Monaten das Album „Rio“ veröffentlicht, das von vielen Fans und KritikerInnen als das lang ersehnte Nachfolgealbum zum Superhit „The Köln Concert“ von 1975 bejubelt wird. Gute Band, gute Phase, guter Saal, aber – das muss der Fairheit halber gesagt werden – zünftige Preise. Andererseits ist ein Abend mit Keith Jarrett immer noch billiger als Karten für ein Top Fußballspiel oder den Familienausflug in eine Spektakel-Show.
Und während ein Jazz Fest Wien Konzertabend gute Chancen hat, zu einem intensiven Erlebnis zu werden, an das man sich noch lange und gerne erinnert, könnte die geliebte Fußballmannschaft verlieren, bengalisches Feuer bruzzelt einem die Frisur weg, die Kinder quengeln in der Show, weil es während der Vorstellung kein Eis gibt und nicht ein gottverdammter Dinosaurier durch die Arena trampelt ...
Der Vergleich macht sicher.

P.S. Es gibt noch viele viele andere tolle Konzerte beim Jazz Fest



Info:
Jazz Fest Wien
25. Juni – 9. Juli 2012
www.viennajazz.org

hahö