Interview
„Der Wien-Krimi boomt“

Die Grande Dame des österreichischen Kriminalromans Edith Kneifl reist in ihrem neuen Wien-Krimi „Der Tod fährt Riesenrad“ ins Jahr 1897 und begibt sich ins damalige Prater-Milieu. Auch für ihre neue Krimianthologie wählt sie den „Tatort Prater“. Zwei Bücher, mit denen man ein Stück Heimat in den Urlaub mitnehmen kann.
Praterstrizzis, Hellseherinnen und Liliputaner treiben sich um die Jahrhundertwende im Prater herum. Edith Kneifl macht sie zu den ProtagonistInnen ihres neuen Romans und beschreibt Wien zur Kaiserzeit. Rund um den damaligen Vergnügungspark „Venedig in Wien“, die Trabrennbahn Freudenau und das neu eröffnete Riesenrad ermittelt Privatdetektiv Gustav von Karoly in dem Entführungsfall einer Baronesse.
Edith Kneifl verrät wieninternational.at im Interview, dass die Geschichte um den „schönen Gustav“ eine Fortsetzung haben wird, warum der Prater der perfekte „Tatort“ ist und ob sie sich beim Schreiben ihrer Krimis schon einmal so richtig gefürchtet hat.
wieninternational.at: Was hat es mit dem derzeitigen Boom der österreichischen bzw. Wiener Krimi-Szene auf sich?
Edith Kneifl: Krimis sind „in“. Leute, die vorher in ganz anderen Berufen gearbeitet haben, kommen auf einmal auf die Idee, einen Krimi zu schreiben. Ich denke da zum Beispiel an den Wiener Philharmoniker Rupert Schöttle. Der Wien-Krimi boomt momentan sehr und verkauft sich derzeit sehr gut. Der Regionalkrimi hat in den letzten Jahren international einen unheimlichen Auftrieb erfahren. Auch in Deutschland gibt es in fast jeder Gegend Regionalkrimis, ob an der Eifel, im Sauerland oder in Bayern. Das ist eine Neuauflage dessen, was es immer schon gegeben hat. Der berühmte spanische Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán hat Krimis geschrieben, die meist in Barcelona spielen. Dashiell Hammett, der berühmteste amerikanische Krimiautor in den 20er bis 40er Jahren, hat seine Krimis in San Francisco spielen lassen, und Raymond Chandlers Protagonisten ermitteln in Los Angeles. Insofern ist es nichts Neues, aber die Verlage unterstützen das jetzt wieder mehr.
wieninternational.at: Was macht den Reiz aus, einen Kriminalroman zu lesen, der in der eigenen Stadt oder vielleicht sogar im eigenen Grätzl spielt?
Edith Kneifl: Sicher der Wiedererkennungswert. Mein Roman „Schön tot“ spielt in Wien Margareten in der Gegend des Schlossquadrats. Er wurde wahnsinnig gut verkauft, weil natürlich fast jede/r Margaretener/in über ihr/sein Viertel lesen wollte. Ich habe sogar Stadtspaziergänge angeboten, in denen ich die Schauplätze aus dem Buch aufgesucht habe.
wieninternational.at: In „Der Tod fährt Riesenrad“ macht der/die Leser/in eine Zeitreise in die Jahrhundertwende. Warum haben Sie gerade diese Zeit für Ihren Krimi gewählt?
Edith Kneifl: Ich hatte gar nicht vor, einen historischen Roman zu schreiben. Aber mein Verlag hat mich gefragt, ob ich nicht einmal etwas Historisches schreiben will. Da Geschichte immer mein Lieblingsfach war, habe ich leichtsinnigerweise einfach zugesagt. Ich habe die Arbeit dafür völlig unterschätzt. Ich musste sehr viel recherchieren und habe so viel gelesen wie schon lange nicht mehr. Aber es hat mir schließlich so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt schon eine Fortsetzung schreibe. Diese Zeit hat mich richtig gefangen genommen. Ich habe das Jahr 1897 aus mehreren Gründen ausgewählt: Erstens wurde am 3. Juli 1897 das Riesenrad eröffnet. Und einen Krimi zu schreiben, der im Prater spielt, fand ich schon einmal nett, weil ich den Prater und sein Milieu sehr liebe. Außerdem wurde 1897 die Wiener Secession gegründet, und noch dazu wurden in diesem Jahr erstmals Frauen an der Universität Wien zugelassen. Zwar nur an der Philosophischen Fakultät, Medizin durften sie nach wie vor nicht studieren, aber immerhin. Was weniger lustig ist, in diesem Jahr wurde auch Karl Lueger Bürgermeister von Wien, nachdem ihn Kaiser Franz Josef auf Anraten von Katharina Schratt dreimal abgelehnt hatte.


wieninternational.at: Welche ProtagonistInnen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Edith Kneifl: Ich wollte eine außergewöhnliche Frauenfigur kreieren. Das ist mir mit Tante Vera hoffentlich gelungen. Sie gilt als Frauenrechtlerin und setzt sich fürs Frauenwahlrecht und den Zugang zu Universitäten für Frauen ein. Dazu „passend“ ihr Neffe, der sich zumindest selbst für einen Womanizer hält – der „schöne Gustav“. Nachdem mir ein paar Ehemänner abhanden gekommen sind, erfinde ich in meinen Romanen immer Traummänner, in die ich mich verlieben könnte. Aber Gustav ist mir zu jung geraten, er könnte mein Sohn sein. In ihn habe ich mich nicht so richtig verliebt (lacht). Deshalb mache ich mich im Buch ein bisschen lustig über ihn. Er ist ja eigentlich ein Weichei, wenn man so will, ein ganz Sensibler.
wieninternational.at: Sie haben Katharina Kafka in drei Romanen Kriminalfälle aufklären lassen. Wird Gustav von Karoly vielleicht auch ein wiederkehrender Detektiv im Wien der Jahrhundertwende?
Edith Kneifl: Katharina Kafka und Orlando ermitteln momentan in den USA. Der Roman „Blutiger Sand“ erscheint Ende September oder Oktober und spielt in Arizona, New Mexico. Es geht um Katharina Kafkas Eltern, die vor 20 Jahren dort ermordet wurden. Der Roman ist wie ein Roadmovie geschrieben und liegt mir wahnsinnig am Herzen. Ich habe selbst lange in den USA gelebt, dort zu schreiben begonnen und insofern traue ich mich, einen US-Roman zu schreiben. Einer meiner besten Freunde ist nordamerikanischer Indianer und hat mit mir eine Tour durch den Südwesten gemacht. Ich werde im Buch eine Parallele zwischen den Roma und Sinti in Europa und den nordamerikanischen UreinwohnerInnen herstellen. Beide sind Nomadenvölker und teilen sich ein ähnliches Schicksal. Sie werden gezwungen, sesshaft zu sein, schaffen es aber nicht. Und: Ja, Gustav lebt weiter. Er ist auf der Suche nach seinem Vater. Diese Vater-Sohn-Geschichte, die im jetzigen Buch schon angeklungen ist, möchte ich im nächsten Roman ausbauen. Die Geschichte spielt 1898 – das Jahr, in dem Kaiserin Sisi ermordet wurde. Der Mord an der Kaiserin wird auch eine Rolle spielen, aber mehr verrate ich nicht.
wieninternational.at: In „Der Tod fährt Riesenrad“ kommen neben Praterstrizzis und Jockeys auch Hellseherinnen vor. Wie geheimnisvoll ist der Prater heute noch?
Edith Kneifl: Ich bin zur Recherche für die Krimianthologie „Tatort Prater“ öfters im Prater gewesen. Den Grünen Prater finde ich nach wie vor sehr schön, er ist zum Glück nicht zerstört worden, aber der Wurstelprater ist leider nicht mehr das, was er einmal war. Ich bin sehr enttäuscht von den Neubauten am Riesenradplatz, die Atmosphäre ist nicht mehr dieselbe. Wenn ich als Kind aus Oberösterreich kommend in Wien war, war ich immer begeistert vom Prater. So einen Vergnügungspark hatte ich vorher noch nicht gesehen. Auch mit meinem ersten Mann bin ich gerne im Prater gewesen, er war ein richtiger Wiener. Übrigens ist die Wohnung von Gustav und seiner Tante Vera die Wohnung, in der ich tatsächlich 14 Jahre lang mit meinem ersten Mann gelebt habe. Er lebt heute noch dort, im Museumsquartier. Sein Urgroßvater war tatsächlich Stallübergeher beim Kaiser. Das ist eine Dienstwohnung aus dieser Zeit. Ich beschreibe im Buch meine frühere Wohnung ganz wirklichkeitsgetreu. Auch die Geschichte von der Großmama, die mit dem Spiegel vor dem Fenster saß und Seitenblicke gemacht hat, stimmt (lacht).
wieninternational.at: Was macht den Prater zum prädestinierten Tatort?
Edith Kneifl: Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, waren im Prater sicher Strizzis und Kleinkriminelle versammelt. Außerdem hielten sich im Grünen und im Wurstelprater viele arme Leute auf. Obdachlose oder Sandler würde man heute sagen, die nicht unbedingt kriminell waren, aber aus der Not heraus vielleicht manchmal gestohlen haben. Ich glaube, dass es damals viel Kriminalität in der Pratergegend gab. Und auch heute hat die Kleinkriminalität dort sicher ihren Platz.
wieninternational.at: Spielen die 13 Geschichten in der Krimianthologie „Tatort Prater“ im Prater der Gegenwart?
Edith Kneifl: Meine nicht, meine Geschichte heißt „Wer erschoss den dritten Mann?“ und spielt 1947. Es ist eine Hommage an Graham Greene als Autor des Dritten Mannes. Es gibt eine Freundin von Harry Lime, die im Film völlig unwichtig ist und die er im Stich lässt. Genau sie mache ich in meiner Kurzgeschichte zur Heldin, sie wird der Star und Harry Lime unwichtig. Es macht Spaß, die Rollen einmal umzukehren.
wieninternational.at: Nach Tatort Kaffeehaus und Tatort Beisl folgt nun Tatort Prater – Was kommt als nächstes?
Edith Kneifl: Das darf ich schon verraten: Tatort Friedhof. Da müssen die Wiener Friedhöfe einmal daran glauben.



wieninternational.at: Mit dem Roman „Der Tod fährt Riesenrad“ sind Sie für den Leo-Perutz-Preis nominiert, außerdem haben Sie 1992 als erste Frau den Glauser-Preis erhalten. Was bedeuten Ihnen solche Anerkennungen?
Edith Kneifl: Da bin ich altmodisch, mich freut so etwas sehr (lacht). Das gibt mir die Bestätigung, dass ich literarisch anspruchsvolle Bücher schreibe. Allein die Nominierung ist ein großes Kompliment. In Österreich schreiben mehr Frauen als Männer Krimis und sie sind wahrscheinlich auch erfolgreicher. Bei den Glauser-PreisträgerInnen überwiegen jedoch haushoch die männlichen Kollegen. Ich war die erste Frau und die erste nicht Deutsche, die diesen Preis erhalten hat. Inzwischen gibt es ein paar Frauen, die ihn haben, aber das Verhältnis ist immer noch unausgewogen. Den Leo-Perutz-Preis hat als erster Stefan Slupetzky bekommen, den zweiten hat ein Pärchen bekommen (Lizl Stein und Georg Koytek), das heißt, wenn ihn diesmal wieder ein Mann bekommt, entspricht das eigentlich nicht der Realität. Nominiert sind heuer neben mir drei Männer – Thomas Raab, Manfred Rebhandl und Georg Haderer – und eine Frau, nämlich Anne Goldmann. Es freut mich übrigens auch, dass mir und meinem in Margareten spielenden Roman „Schön tot“ im Lonely Planet von Wien eine ganze Seite gewidmet wird.
wieninternational.at: Wer ist Ihr/e Lieblingskrimiautor/in und warum?
Edith Kneifl: Ich habe mehrere. Ich lese gerne Patricia Highsmith. Sie ist jetzt ein bisschen out, aber ich finde, sie ist eine großartige Schriftstellerin. Von den männlichen Autoren habe ich die amerikanischen immer geliebt, wie etwa Chandler und Hammett. Von den modernen finde ich zum Beispiel die Britin Minette Walters gut oder Nicci French, also eher die härteren. Und Håkan Nesser aus Schweden ist einer meiner absoluten Lieblingskollegen.
wieninternational.at: Wie realistisch sind Ihre Geschichten für Sie selbst? Wie kommt man auf die Ideen zu so viel Mord & Intrigen?
Edith Kneifl: Ich glaube, das sind die eigenen Abgründe, die sich in solchen Krimis widerspiegeln. Bei manchen Romanen fürchte ich mich selber beim Schreiben. Bei meinem Buch „Allein in der Nacht“ habe ich mich so gefürchtet, dass ich dauernd meinen damaligen Freund angerufen habe und ihn gebeten habe, nachhause zu kommen. Er war Arzt, hatte Nachtdienst und konnte natürlich nicht weg. Er hat immer gelacht und mich gefragt, warum ich denn so etwas Schreckliches schreibe. Aufgefallen ist mir, dass ich in Phasen, in denen es mir nicht gut geht, lustige Krimis schreibe. Sobald einer meiner Romane besonders witzig ist, habe ich garantiert eine schlechte Zeit gehabt. Da ist das Schreiben so eine Art Trost für mich. Zum Beispiel „Ende der Vorstellung“, der Krimi, der unter dem Titel „Taxi für eine Leiche“ verfilmt worden ist und die Romy als bester Fernsehfilm bekommen hat. Als ich diesen Roman geschrieben habe, war ich gerade in Trennung von meinem ersten Mann. Es ist mir wirklich nicht gut gegangen, aber das Buch ist echt lustig (lacht). Das Schreiben ist für mich eine Flucht in eine andere Welt, in die Fiktion.
Person:
Edith Kneifl wurde 1954 in Wels geboren und wuchs im oberösterreichischen Lenzing auf. Zwischen 1973 und 1980 absolvierte sie das Studium der Psychologie und Ethnologie an der Universität Wien. Nach längeren Auslandsaufenthalten in Griechenland und den USA, lebt und arbeitet sie als Psychoanalytikerin und freie Schriftstellerin in Wien.
www.kneifl.at
Info:
Der Tod fährt Riesenrad – Ein historischer Wien-Krimi
Haymon-Verlag, 2012
ISBN 978-3-85218-878-2
www.haymonverlag.at
Tatort Prater
13 Kriminalgeschichten aus Wien
Herausgeberin: Edith Kneifl
AutorInnen: Reinhardt Badegruber, Lisa Lercher, Ivo Schneider, Amaryllis Sommerer, Gerhard Loibelsberger, Beate Maxian, Andreas Gruber, Christian Klinger, Helga Anderle, Hermann Bauer, Nora Miedler, Thomas Schrems, Edith Kneifl
Falter Verlag, 2012
ISBN 978-3-85439-474-7
www.falter.at
Tipp:
Helga Schimmer: Mord in Wien – Wahre Kriminalfälle
Mit der dunklen Seite Wiens beschäftigt sich auch Krimi-Autorin Helga Schimmer. Allerdings erzählt sie von Verbrechen, die sich wirklich zugetragen haben: Die Wiener Würgerin, die Frau mit dem Fleischwolf, der Rächer von Stein und der Gerichtsmediziner als Mörder – die spektakulärsten, schauerlichsten und skurrilsten Kriminalgeschichten Wiens hat das wahre Leben geschrieben. Helga Schimmer berichtet von genialen Ermittlern, überraschenden Geständnissen, kaltblütigen Mördern und vom fast perfekten Verbrechen, die allesamt verbunden sind durch den Tatort Wien. Nichts für schwache Nerven!
ISBN 978-3-85218-876-8
Haymonverlag, 2012
www.haymonverlag.at

