Serie: Klosterleben einst und heute
Ein Kloster, zwei Länder

Das Barmherzigkeitskloster in Nové Hrady/Gratzen erzählt die Geschichte Mitteleuropas
Die Geschichte Mitteleuropas wird oft in den sakralen Gebäuden der Grenzregionen deutlich lesbar. Es sind hier sowohl die Spuren der alten Zeiten als auch die der neueren Geschichte zu entdecken. Die Landtopografie und die Glocken der Kirchtürme bestätigen, dass Grenzen nur eine menschliche Erfindung sind.
Der Schauplatz dieser Geschichte liegt direkt an der Grenze der Region Südböhmen und des Bundeslandes Niederösterreich. Die so genannten Gratzener Berge (Novohradské hory) bilden eine natürliche Grenze zu Österreich und stellen die Mitteleuropäische Wasserscheide dar, da hier die Wasserwege einerseits zur Donau und anderseits zur Moldau fließen.
Das Gratzener Barmherzigkeitskloster – ehemals Servitenkloster St. Petrus und Paulus – wurde neben der Gratzener Kirche St. Petrus und Paulus von der dort ansässigen, aus Frankreich stammenden Adelsfamilie von Buquoy erbaut. Im Jahre 1677 brachte Ferdinand Graf von Buquoy die Pater des Servitenordens nach Gratzen. In diesem Jahr wurden auch die Arbeiten am Bau des frühbarocken Klosters abgeschlossen. Das neue Kloster, dessen Hauptaufgabe die Seelsorge in der Gratzener Pfarrgemeinde und den umliegenden Dörfern war, wurde später in die tschechische Provinz des Servitenordens eingegliedert. Die Herrschaft von Kaiser Josef II. bedeutete das Ende der Servitenklöster – durch die Säkularisierung wurden sechs Stifte aufgelöst. So gab es Ende des 19. Jahrhunderts von den ehemals acht Servitenklöstern nur noch eines: Gratzen. Im Jahr 1886 erlebte der Konvent eine entscheidende Reform und wurde in die Tiroler Provinz eingegliedert. So kamen aus Tirol Serviten nach Gratzen, was für das Kloster einen neuen Aufschwung bedeutete.


Die Klosterkirche St. Petrus und Paulus
Die Glocken verstummten
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zehn von zwölf Serviten wegen ihrer deutschen Herkunft nach Österreich und Deutschland ausgewiesen. Zwei übriggebliebene tschechische Pater wurden in der Nacht von 13. auf 14. April 1950 aus ihrem Heimatkloster vertrieben. Ein 30 Jahre dauernder „Dornröschenschlaf“ begann. Der Gratzener Klosterkomplex wurde von der Tschechoslowakischen Volksarmee bis 1987 besetzt. Von den österreichischen Wiesen konnte man die Kirche in Brünnl im Nordhang der Gratzener Berge nur aus der Ferne betrachten.
Neubeginn und neuer Name
Im Jahr 1990, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, lebte noch der letzte Servit tschechischer Herkunft, P. Kazimír Jindra, was den Servitenorden berechtigte, die Rückgabe des einstigen Klostereigentums zu beantragen. In den darauffolgenden Jahren sandte der Servitenorden drei seiner Ordensmänner nach Gratzen: P. Bonfilius Wagner, P. Gerhard Walder und P. Vittorio Antollovich. Dank ihres gemeinsamen, bewundernswerten Einsatzes in den 90er Jahren gelang es, das Kloster zu revitalisieren. Parallel zur Erneuerung des Klosters und der Klosterkirche, des Wallfahrtsortes in Brünnl und anderer Kirchen und Kapellen in der Gratzener Region, setzten sich die drei Serviten mit ebenso viel Einsatz für die Erneuerung des geistlichen Lebens ein. So wurde das Kloster von Gratzen wieder ein geistliches und kulturelles Zentrum des gesamten Gratzener Gebietes. 2005 lebte im Gratzener Kloster als letzter Servit nur noch P. Bonfilius Wagner. Ihm lag vor allem die Frage der Zukunft des Ortes am Herzen: Wer wird die Seelsorge im Kloster und in den dazugehörigen Gemeinden übernehmen? Die Tiroler Provinz des Servitenordens verfügte nicht über genügend Ordensmänner, um das Gratzener Kloster weiterhin halten zu können. Deshalb wurde die Verantwortung für das Kloster in die Hände der Gemeinschaft päpstlichen Rechts „Familie Mariens“ gelegt. So wurde am 30. September 2006 das Kloster St. Petrus und Paulus des Servitenordens aufgehoben, und am nächsten Tag übernahm die Familie Mariens das Kloster sowie dessen Verwaltung und Seelsorge. Seit diesem Tag trägt das Gratzener Kloster einen neuen Namen: Barmherzigkeitskloster.
Das Barmherzigkeitskloster ist heute ein Ort der Begegnung, der Erholung und der geistlichen Erneuerung. Die wieder eröffnete Region und die komplett offene Grenze bieten viele Möglichkeiten, wie man aufeinander zugehen und voneinander lernen kann. Das Angebot des Klosters der Göttlichen Barmherzigkeit umfasst unter anderem eine Unterkunftsmöglichkeit und Seminarräume. Es ist ein Ort des Zusammentreffens.
„Südböhmisches Lourdes“ und die höchstgelegene Pfarrei
Ein charakteristisches Denkmal dieser Region ist der im Nordhang der Gratzener Berge gelegene bekannte Wallfahrtsort Maria Trost in Brünnl, auch das „südböhmische Lourdes“ genannt. Maria Trost in Brünnl ist mit der Entdeckung der Heilquelle am Abhang des Kuhberges Ende des 17. Jahrhunderts verbunden.


Ruhe und Einkehr findet man im Klostergarten
20. Jahrhundert – Pater Bonfilius
Auch die Geschichte einer Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts erklärt das Schicksal dieses Klosters und der Region. Es ist der Lebensweg des Paters Bonfilius Wagner, der im Jahre 1926 in Niederthal bei Gratzen geboren wurde. Bonfilius wurde mit 17 Jahren an die Ostfront geschickt, überlebte und kehrte zurück nach Gratzen. Im Sommer 1948 starb seine Mutter, Bonfilius verließ das Land und ging in das Noviziat des Servitenordens in Innsbruck. Als er 63 Jahre alt war, fiel der Eiserne Vorhang und Bonfilius wurde vom Prior der Tiroler Provinz in seine schon völlig veränderte Geburtsgemeinde zurückgeschickt. Er lernte die tschechische Sprache, um sich verständigen zu können. „Auch wenn ich noch nicht gut Tschechisch sprechen kann, kann ich zumindest jeden auf Tschechisch grüßen“ meinte er. Er begann mit der Erneuerung des Gratzener Klosters und der dazugehörigen Kirchen, war aber vor allem wegen seiner originellen Offenheit und Freundlichkeit bekannt.
Die tschechische Nationalhymne beginnt mit den Worten „Kde domov můj“ (Wo ist meine Heimat?). Für P. Bonfilius ist seine Heimat der Himmel, sagte er. Als ihm ein Fernsehreporter die Frage stellte, ob er sich mehr in Österreich oder in der Tschechischen Republik zu Hause fühle, antwortete P. Bonfilius: „Staatsgrenzen können sich verschieben, Staaten entstehen und gehen unter, und deshalb ist es nicht so wichtig, wo wir gerade leben. An jedem Ort und jeden Augenblick sollen wir hier auf Erden arbeiten, beten und leben, so dass es Gott gefällt.“
Das Kloster in der Stadt Nové Hrady lebt wieder, dank der Menschen, die für seine Freiheit kämpften und die Wahrheit und Liebe nicht vergessen.
Tipp:
Freundinnen und Freunde des „Geocaching“ können sich auf eine „GPS-Schatzjagd“ begeben und dabei das Kloster entdecken. Die Anleitung gibt es sowohl auf Tschechisch als auch auf Englisch auf der Website www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?guid=09ecdcb5-0aaf-4dbb-a393-23b9b87b9d52
Info:
Barmherzigkeitskloster
Familie Mariens
Husova 2
373 33 Nové Hrady v jižních Čechách (Gratzen in Südböhmen)
Česká Republika (Tschechische Republik)
Priester für deutschsprachige und englischsprachige Pilger: P. Georg Josef Erhart
T +420 386 301 327
F +420 386 301 325
E P.GeorgJosef@FamilieMariens.org
Rezeption / Unterkunft:
E ubytovani@klaster.cz
Jiří Čajan
T +420 386 301 322
M +420 603 857 888
F +420 386 301 325
www.klaster.cz
Burg Nové Hrady
Státní hrad Nové Hrady
Komenského 33
373 33 Nové Hrady
Česká republika
T +420 386 362 135
F +420 386 361 311
Reservierung +420 386 361 313
E novehrady@budejovice.npu.cz
Klosterleben einst und heute:
Teil 1: Wiener Klöster
Teil 2: Stift Klosterneuburg und Stift Altenburg / NÖ
Teil 3: Stift Melk und Stift Seitenstetten / NÖ
Teil 4: Serbische Klöster
Teil 5: Das Kapuzinerkloster in Bratislava
Teil 6: Das Barmherzigkeitskloster in Nové Hrady
Teil 7: Benediktinerkloster Pannonhalma
Teil 8: Karmeliterkloster Remete
Teil 9: Neujungfrauenkloster in Moskau
Teil 10: Slowenisches Zisterzienserkloster Stična
Teil 11: Das Franziskanerkloster in Sarajevo
Teil 12: Stavropoleos-Kloster in Bukarest
Teil 13: Das bulgarische Rila-Kloster









