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Vienna´s weekly European journal

Grüner Inselbezirk mitten in der Stadt

Archivierter Artikel vom: 
Dienstag, Dezember 13, 2011

Serie: 23 Mal Wien

Grüner Inselbezirk mitten in der Stadt

1: Riesenrad
Das Riesenrad im Prater: eines der Wahrzeichen Wiens

Unsere Serie „23 Mal Wien“ geht in die zweite Runde. Grüne Wiesen, eine kilometerlange Kastanienallee, von weit her tönen fröhliche Kinderschreie und Jahrmarktmusik. Wir besuchen den Grünen Prater, mitten im zweiten Wiener Bezirk, der Leopoldstadt. Ein perfekter Ausgangspunkt für eine Tour durch den Bezirk, der mit 42 Prozent Grünanteil zu den lebenswertesten Grätzeln Wiens gehört.
Sportlerparadies
Die 4,5 Kilometer lange Prater Hauptallee ist die wohl beliebteste Jogging- und Radfahrmeile der Stadt. Sie führt vom Praterstern bis zum Lusthaus, dem ehemaligen kaiserlichen Jagdpavillon. Es lohnt sich auch, auf einen der kleineren Wege des Grünen Praters abzuzweigen und sich auf einer Wiese des insgesamt sechs Millionen Quadratkilometer großen Areals niederzulassen. Das ist „dem Volk“ aber erst möglich, seit Kaiser Joseph II. den Prater im Jahr 1766 für ebendieses geöffnet hat. Heute ist er längst ein Paradies für SportlerInnen. Sportbegeisterte kommen auch im nahe gelegenen Ernst-Happel-Stadion auf ihre Kosten, das manchmal zum riesigen Open-Air-Konzertsaal umfunktioniert wird, zuletzt für Jon Bon Jovi oder Herbert Grönemeyer. In der Trabrennbahn Krieau und der Galopprennbahn Freudenau kann man alles auf ein Pferd setzen. Abkühlung nach Sieg oder Niederlage findet man im Stadionbad oder am Heustadlwasser, dem naturbelassenen Rest des alten Donaukanals, den man auch per Boot durchqueren kann. Ab 2013 werden mit dem neuen Campus der Wirtschaftsuniversität zwischen Praterstern und Messegelände auch jede Menge StudentInnen den Grünen Prater als Ort zum Lernen oder für Pausen nutzen.


2: Ernst-Happel-Stadion
3: Ballonwagen
Das Ernst-Happel-Stadion füllen meist Fußballfans, bei Freiluftkonzerten stürmen es Musikbegeisterte (l.); der Wiener Wurstelprater ist ein Paradies für Kinder und Adrenalinjunkies (r.)

Adrenalinkick gefällig?
Etwas lauter und wilder geht es im Wurstelprater zu. Der Vergnügungspark der WienerInnen hat 250 Attraktionen zu bieten – vom Ponyreiten über das nostalgische Karussell bis zur Achterbahn. Zu einem Besuch im Wiener Wurstelprater gehört das Einkehren im Schweizerhaus dazu. Das typische Gericht: Schweinsstelze mit Senf und Kren und dazu ein Glas Bier.
Orte mit Geschichte
Gourmets kommen auf dem Karmelitermarkt auf ihre Kosten. Doch dieses Grätzel ist weit mehr als ein Mekka für FeinschmeckerInnen, es hat Geschichte. Geht man die Karmelitergasse entlang, durchquert man das Gebiet, das 1624 von Kaiser Ferdinand II. den Wiener Jüdinnen und Juden als Wohnort zugewiesen wurde. Durch Kaiser Leopold I. erfolgte 1670 die endgültige Ausweisung aus der Stadt. Erst im 19. Jahrhundert siedelten sich hier wieder Jüdinnen und Juden an. Der Donaukanal war damals die Grenze zwischen der großteils assimilierten jüdischen Bevölkerung in der Innenstadt und dem traditionellen Leben der ZuwanderInnen in der Leopoldstadt. Viele Gebildete lehnten es ab, Jiddisch zu sprechen, aber im zweiten Bezirk lebten die Armen, die ZuwanderInnen aus Osteuropa, die StudentInnen und die SchauspielerInnen. Geht man heute durch die Hollandstraße kann man mancherorts noch Jiddisch hören und findet mehrere koschere Geschäfte. Im Kulturcafé Tacheles am Karmeliterplatz 1 gibt es regelmäßig Klezmermusik zu hören.


4: Schloss Augarten
Im Schloss Augarten ist die gleichnamige Porzellanmanufaktur untergebracht


Die Hauptstraße des Ghettos war die Große Sperlgasse, wo heute auf Nummer 41 das Café Sperlhof zum Spielen einlädt. Hier kann man nicht nur aus 800 Gesellschaftsspielen wählen und sich mit diesen die Zeit vertreiben, man kann auch seine Speisen und Getränke bis heute noch in Schilling bezahlen. Starke Nerven brauchen BesucherInnen eines der ältesten Häuser der Leopoldstadt, dem so genannten „Seifensiederhaus“ in der Großen Sperlgasse 24. Hier ist das Kriminalmuseum untergebracht, in dem das dunkle Wien der letzten drei Jahrhunderte wieder lebendig wird. Eine Kulturstätte, die zum zweiten Bezirk gehört wie das Riesenrad zum Prater, ist das 2004 wiedereröffnete Theater Nestroyhof Hamakom. Das Theater wurde 1898 gegründet und war ein jüdisches Kulturzentrum, das schon damals einen großen Beitrag zum internationalen, modernen Großstadtleben leistete, jedoch 1938 geschlossen und 1941 arisiert wurde. Auch der jüdische Sportclub Hakoah wurde 1938 durch die Nazis beschlagnahmt und erhielt erst im Jahr 2002 das Gelände im Prater zurück, wo einst bis zu 180.000 jüdische BürgerInnen die Kicker anfeuerten. Im März 2008 feierte der Sportclub die Wiedereröffnung seines Sportplatzes im Prater.
Noch mehr Grün und ein bisschen Porzellan
Neben der riesigen grünen Praterlandschaft ist der Augarten die zweite große Grünoase der Leopoldstadt. Genau wie den Prater öffnete Joseph II. die Anlage 1775 für das Volk. Seit 1923 ist im Schloss Augarten die zweitälteste Porzellanmanufaktur Europas untergebracht. Führungen durch den Betrieb zeigen die Arbeitsweise sowie besondere Kostbarkeiten des weltbekannten Augarten Porzellans. Im Augartenpalais befindet sich heute das Internatsgebäude der Wiener Sängerknaben. Nicht zu übersehen sind die beiden FLAK (Flieger-Abwehr-Kanonen)-Türme. Im Schatten dieser und der Lindenalleen lässt es sich hervorragend picknicken. Wer keinen eigenen Proviant dabei hat, kann sich in der Bunkerei stärken, wo auch oft Konzerte stattfinden. Im Advent ist die Punscherei zu empfehlen, da wird Punsch romantisch am offenen Lagerfeuer getrunken.


5: Porzellan Manufaktur
6: Hafen Wien
Bei einer Führung durch die Augarten Porzellanmanufaktur sieht man wie ein Service entsteht (l.); Der Wiener Hafen ist Handelsdrehscheibe zwischen Ost und West (r.)


Wie erwähnt ist die Leopoldstadt einer der grünsten Bezirke, aber auch das Wasser spielt für den Inselbezirk eine große Rolle. Gemeinsam mit dem Nachbarbezirk Brigittenau werden die Inseln des Bezirks vom Donaukanal und der Donau umgeben. Auch der Wiener Hafen, eine wichtige Drehscheibe im Donauhandel zwischen West und Ost, ist im zweiten Bezirk angesiedelt. Die Kombination aus Natur, Wasser und Stadt gefällt den fast 100.000 BewohnerInnen der Leopoldstadt. Sind doch damals wie heute auch zahlreiche Prominente unter ihnen: So ist Viktor Emil Frankl, der Begründer der Logotherapie, etwa in der Czerningasse 6 geboren worden und Arthur Schnitzler in der Praterstraße 16 aufgewachsen. Heute trifft man ab und zu den Schriftsteller Wolf Haas beim Schlendern durch seinen Heimatbezirk.  












Info:
Die Leopoldstadt in Zahlen:
Fläche: 1.922,8 ha
BewohnerInnen (2010): 95.410
Durchschnittsalter: 40,1
Zahl der Wohnungen (2010): 46.854
Gemeindestraßen in m: 101.171
Radwege in m: 72.100

Link:
Alles über die Leopoldstadt
Wiener Prater
Kulturcafé Tacheles
Kriminalmuseum
Theater Nestroyhof Hamakom
Porzellanmanufaktur Augarten
Bunkerei
Wiener Sängerknaben

Tipp:
„IchundIch“ im Theater Nestroyhof Hamakom
Das letzte Drama der deutsch-jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler „IchundIch“ kommt am 24. Jänner 2012, 20.00 Uhr, in einer Inszenierung von Michael Gruner zur österreichischen Erstaufführung.  
Zwischen 1940 und 1941 entstand im Jerusalemer Exil das Drama „IchundIch“. Das komplexe, aber sehr hellsichtige Werk prangert in einem Stück-im-Stück auf dem Schauplatz der „Althölle“ die nationalsozialistische Gegenwart an. In der fiktiven Regie von Max Reinhardt versammeln sich in der Höllen-Szenerie die Dichterin, Schauspieler, alttestamentarische Könige und Faust und Mephisto, die sich angesichts der Vorgänge auf Erden die Theodizee-Frage (warum lässt der allmächtige Gott Leid auf Erden zu?) stellen.
In „IchundIch“ bedient sich Else Lasker-Schüler des ganzen Spektrums des Mediums der Sprache, um sowohl in Prosa als auch in Versen eine lyrische Höllenfahrt zu kreieren: maßlos, kindlich, anarchisch, bunt.

Premiere: 24. Jänner 2012, 20 Uhr
Vorstellungen: 25. Jänner bis 4. Februar, 10., 11. sowie 14. bis 18. Februar 2012

Theater Nestroyhof Hamakom
2., Nestroyplatz 1
www.hamakom.at

23 Mal Wien:
I. Bezirk - Innere Stadt
II. Bezirk - Leopoldstadt
III. Bezirk - Landstraße
IV. Bezirk - Wieden
V. Bezirk - Margareten
VI. Bezirk - Mariahilf
VII. Bezirk - Neubau
VIII. Bezirk - Josefstadt
IX. Bezirk - Alsergrund
X. Bezirk - Favoriten
XI. Bezirk - Simmering
XII. Bezirk - Meidling
XIII. Bezirk - Hietzing
XIV. Bezirk - Penzing
XV. Bezirk - Rudolfsheim-Fünfhaus
XVI. Bezirk - Ottakring
XVII. Bezirk - Hernals
XVIII. Bezirk - Währing
XIX. Bezirk - Döbling
XX. Bezirk - Brigittenau
XI. Bezirk - Floridsdorf
XII. Bezirk - Donaustadt
XIII. Bezirk - Liesing

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