10. Juli 2012
Fotoausstellung in der Albertina
Kunst zwischen Zufall, Arrangement und Dokumentation

Junger Mann beim Einsammeln von Einkaufswagen, Huntington, New York, Juli 1993
Orange leuchtende Kürbisse inmitten einer trostlos wirkenden Landschaft, riesige Parkplätze mit Einkaufswägen und eine trendig gekleidete Frau mit einem Hasen im Gepäck: der amerikanische Fotograf Joel Sternfeld zeigt in der ihm gewidmeten Retrospektive in der Albertina zwar kein unbekanntes Amerika, dafür aber ein ungemein poetisches.
Sternfelds Poesie rührt vor allem von der Verwendung der Farbe in seinen Bildern her. Diese sorgt nicht zuletzt dafür, dass die Fotografien sowohl komponiert als auch authentisch wirken. Das erzeugt einen Charme, dem man sich als BetrachterIn schwer entziehen kann. Oftmals herrschen Farben in ähnlichen Tönen vor, sind von gleicher Dichte und Intensität. Zu finden sind sie an Menschen, Gegenständen und in der Natur. Im Zusammenspiel entfalten sie ihre poetische Kraft.
Vom Orange in Feuer und Kürbis
Beeinflusst wurde Sternfeld für seine Farbkompositionen vor allem von William Eggleston und den Theorien der Bauhausbewegung. In seiner Fotoserie „American Prospects“, für die Sternfeld den Jahreszeiten Richtung Süden folgte, wird dies besonders ersichtlich. Die/der Betrachter/in trifft hier beispielsweise auf einen Jungen vor einem grünen Haus, der grüne Turnschuhe trägt oder sieht ein brennendes Haus vor dem orangene Kürbisse verkauft werden. Letzteres ein Bild, das seine Existenz dem Zusammenspiel von Berechnung und Zufall verdankt. Denn prompt als der Fotograf jene Gegend auf seiner Reise durchquerte, fackelte die Feuerwehr ein altes Haus ab. Sternfeld harrte den ganzen Tag in der Kälte jenes Herbstages aus und schoss schließlich ein gelungenes Foto.Ein Grund für sein Durchhaltevermögen und die ungemeine Sorgfalt, mit der er sich seinen Motiven näherte, war vermutlich der Umstand, dass er als aufstrebender Fotograf damals gerade einmal zwei Fotos am Tag finanzieren konnte. Zudem verwendete er eine Großformatkamera, die zu einem statischen Bildaufbau führte. Anders als in früheren Tagen, in denen er mit einer Kleinbildkamera in den Straßen unterwegs war.


Eine Frau beim Einkaufen mit ihrem Hasen, Santa Monica, California, August 1988; Nach einer Sturzflut, Rancho Mirage, California 1979
An den Grenzen der Fotografie
Die Albertina zeigt erstmals auch Sternfelds frühe Bilder. Diese entstanden Anfang der 70er Jahre – in einer Zeit, als man als Farbfotograf mit künstlerischem Anspruch noch als Exot oder gar als verrückt galt. Doch der farbverliebte Künstler gab nicht auf und gilt heute neben Eggleston als einer der wichtigsten Vertreter der „New Color Photography“.Doch auch mit anderen Serien wagte sich Sternfeld immer wieder an die Grenzen dessen, was allgemein als Kunstfotografie angesehen wird. So verschmelzt er in seiner konzeptionell geprägten Serie von amerikanischen Orten des Verbrechens Bilder mit Texten. Während man auf den Aufnahmen beispielsweise einen leeren Kongresssaal sieht oder einen Baum im Park, erinnern die daneben angebrachten Texte an den Mord an einer jungen Frau oder an den Beschluss des Kongresses, Blutspenden als für die Verbreitung des HIV-Virus unbedeutend einzustufen. Es sind in erster Linie die Texte, die den Bildern erst ihre Bedeutung geben beziehungsweise die darin verborgenen Wahrheiten und Geschichten offen legen.


Canyon Country, California, Juni 1983; Eine Frau in ihrem Haus in Malibu nach ihrem Training, California, August 1988
Ins Bild gebracht
Doch auch in seinen Fotografien von den TeilnehmerInnen einer Klimakonferenz beschreitet Sternfeld einen erweiterten fotografischen Weg, der seine Arbeit näher in Richtung politisches und soziales Engagement rückt. Seine Bilder von den KongressteilnehmerInnen sind weit mehr als einfache Porträts. Sie wurden just in jenem Moment aufgenommen, als den Beteiligten klar wurde, dass sich die globale Erwärmung nicht mehr rückgängig machen lässt. Es sind Entsetzen, Sorge und Erschütterung, die sich da in den Gesichtern ablesen lassen. Eine Sorge, die der Fotograf mit den TeilnehmerInnen zu teilen scheint. Immer wieder wählt Sternfeld auch die Veränderungen in der Natur – sei es durch den Wechsel der Jahreszeiten oder eben durch die Eingriffe des Menschen – zum Thema. Doch auch soziale und politische Ideen spielen für sein Werk eine Rolle. Wie zuletzt in einer von 2006 stammenden Serie, in der sich Sternfeld mit der Visualisierung zeitgenössischer Utopien beschäftigt. Nur eine von insgesamt zehn Serien, die in der Ausstellung, die mit 130 Fotografien sehr umfangreich ausgefallen ist, zu sehen sind. Sehenswert sind alle zehn, jede auf ihre eigene, farbige Art und Weise.Info:
Joel Sternfeld
Farbfotografien seit 1970
27. Juni bis 30. September 2012
Albertina
Albertinaplatz 1
1010 Wien
Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 21.00 Uhr
Eintritt: 11 Euro, ermäßigt 7 bis 9 Euro
Tel.: +43 1 534 83 0
office@albertina.at
www.albertina.at
sasch
Fotos ©:
Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York, 2012









