03. Juli 2012
Jugendkultur
Megacooles im Künstlerhaus


Erwin Olaf "Rouge Player 2" (2005); Cao Fei "Cosplayers" (2004) Video
Knappe zwölfeinhalb Jahre ist es alt, das neue Jahrtausend, und einiges hat sich bisher getan. Revolutionen, Finanzkrise, Naturkatastrophen und Terrorismusakte. Die Welt, in die Kinder und Jugendliche hineinwachsen, ist eine Welt der Extreme. Doch auch in puncto Sprache erlebten wir im vergangenen Jahrzehnt so einige Superlative. Aus hip wurde „ultrahip“, aus modern „hypermodern“ und aus cool „megacool“.
Letzteres findet sich jedoch nicht nur im Wortschatz so mancher Jugendlicher und ewig jung Gebliebener, sondern ist zugleich der Titel einer Ausstellung, die noch bis Anfang Oktober im Wiener Künstlerhaus zu sehen ist.
Die Macht der Medien
Absicht von „Megacool 4.0. Jugend und Kunst“ ist es, Jugendkultur – das heißt Lebenswelten verschiedener Jugendlicher – mit den Mitteln zeitgenössischer Kunst zu porträtieren.Zum Einsatz kommen dabei hauptsächlich Fotografien, aber auch interaktive Installationen, Videokunst, Malerei und Street Art. Ein breites Spektrum, das auch die Vielfalt der Themen widerspiegelt: das heißt Dinge und Probleme, mit denen sich Jugendliche beschäftigen oder zu kämpfen haben. Und diese sind eben sehr unterschiedlich. Denn „DIE Jugend gibt es nicht“; das weiß auch Birgit Richard, Direktorin des Jugendkulturarchivs in Frankfurt und Kuratorin der Ausstellung.
Für die Schau hat sie Werke zusammengetragen, die sich mit der Nutzung neuer Medien – Facebook, youtube usw. – durch Jugendliche, dem Zugang zur Politik, den gängigen Geschlechterrollen, Selbstdarstellung durch Kleidung oder häufigen Krankheiten wie Magersucht beschäftigen. Während Magersucht weitgehend als Krankheit akzeptiert wird, wird Übergewicht im Gegenzug dazu selten als Krankheit anerkannt. In ihrer Arbeit „Sehnsucht“ beschäftigt sich die Künstlerin Rebecca Sampson mit unterschiedlichen Formen der Essstörung. Entstanden sind eine Reihe von Fotografien, die einen kurzen Einblick in die Gefühlsstimmungen der Jugendlichen erlauben, etwa wenn der innere Kampf mit dem Essen in Form eines Blickes eines der porträtierten Mädchen auf einen kandierten Apfel sichtbar wird. Die Künstlerin erforscht gerade, inwieweit das Thema Fotografie auch bei der Behandlung eingesetzt werden kann.
Doch auch das Ritzen – das absichtliche Zufügen von Wunden – wird in der Ausstellung mit einer Arbeit von Franziska Fiolka thematisiert. Das Foto zeigt ein Mädchen mit traurig entrücktem Blick und Narben an den Armen. Es zählt wohl zu den berührendsten Bildern der Ausstellung.


Rebecca Sampson "Untitled" aus der Serie "Sehnsucht" (2009); Jan Poppenhagen "Keven" (2007)
Von A wie Avatar bis R wie Raver
Mit Geschlechterrollen – die auch heute noch bei den meisten Jugendkulturen eher traditionell angelegt sind – beschäftigen sich hingegen die amerikanische Künstlerin Nan Goldin und die Fotografin Hana Pesut aus Vancouver. Letztere lässt in ihrer Fotoserie Jungen und Mädchen die Kleider wechseln.Buchstäblich in eine andere Haut schlüpfen die Jugendlichen, wenn sie sich in die Welt des Computerspiels begeben. Für „Alter Ego“ porträtierte der aus London stammende Künstler Robbie Cooper Jugendliche und ihre Avatare.
Ein häufiger auftretendes Thema ist die Selbstdarstellung mittels Mode in der realen Welt – für die Ausstellung wurden einige Accessoires zusammengetragen und werden in einer Vitrine präsentiert –, die nicht nur der Individualisierung dient, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe symbolisiert. Es gibt Raver, Hipster, HipHoper, Gothics, Celebrities oder Cosplayer, um nur einige zu nennen, denn die Zahl der unterschiedlichen Strömungen ist heutzutage extrem groß.


Franziska Fiolka "Verletzt" (2009); Michael Schmelling: Aus der Serie "Atlanta HipHop" (2009)
Wer mehr über dieses Thema wissen will, kann sich im Anschluss an die Ausstellung einen Katalog kaufen. Dieser ist aufgrund weiterführender Beiträge zur Geschichte der unterschiedlichen Jugendkulturen sowie der neuesten Strömung des Witchhouses – eine Art ästhetische Strategie gegen das transparente „soziale“ Web – äußerst lesenswert ausgefallen. Für weniger Interessierte gilt: Bilder sagen immer noch mehr als tausend Worte. Und wer Glück hat, kann sogar die/den eine/n oder andere/n Jugendliche/n „in freier Wildbahn“ erleben, denn aufgrund eines reichhaltigen Vermittlungsprogramms soll SchülerInnen der Besuch in der Ausstellung besonders schmackhaft gemacht werden. Und wer weiß, vielleicht befindet sich auch die/der eine oder andere Künstler/in von morgen unter ihnen. Stoff liefert unsere Welt dank politischer, sozialer und medialer Umwälzungen nach wie vor genug.

Tipp:
Use It – neuer englischsprachiger gratis Wien-Stadtplan für junge Reisende
Nach Prag, Laibach, Warschau, Oslo, Brüssel und vielen anderen Städten gibt es jetzt auch einen Use It-Stadtplan für Wien, erstellt von der wienXtra-jugendinfo.
Die Philosophie des Use It-Netzwerks lässt sich wie folgt beschreiben: Nicht kommerziell, „no-nonsense“ und von Einheimischen produziert.
Im Stadtplan für Wien sieht das konkret so aus: Ein „Too Much History Walk“ führt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, und zwar schnell und kompakt, damit man danach das tun kann, was Einheimische wirklich machen. Was das ist, erfährt man in der Rubrik „Act Like A Local“. Die Tipps sind authentisch: Grantig sein, G’spritzten oder Krügerl trinken und stundenlang im Kaffeehaus sitzen wird ebenso empfohlen wie billige Mittagsmenüs in Restaurants. Eine kurze Präsentation der coolsten Wiener Bezirke, die wichtigsten Straßenbahnlinien, ein U-Bahn-Plan und eine Einführung in die Wiener Kaffeehauskultur machen die „UserInnen“ des neuen Stadtplans im Nu zu Wien-ExpertInnen. Die vielen Tipps zu Nightlife, Gastronomie und Sightseeing sind mit „Tourist Classic“ für Mainstream-Programm oder „Local Tip“ für Insidertipps gekennzeichnet.
Alles in allem ein sehr übersichtlicher und userInnenfreundlicher Guide, der zwei Stadtpläne enthält – einen detaillierten von der City inklusive Teile der inneren Bezirke und einen größeren, der bis über den Gürtel reicht. Einfach gratis unter www.jugendinfowien.at/useit bestellen oder vor Ort in der wienXtra jugendinfo abholen. Zur Info: Der Use-It Stadtplan für Bratislava ist bereits in Arbeit!
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1., Babenbergerstraße 1/Ecke Burgring
T: +43/1/4000 84 100
jugendinfowien@wienxtra.at
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Info:
Megacool 4.0. Jugend und Kunst
15. Juni bis 7. Oktober 2012
Künstlerhaus k/haus
Karlsplatz 5
1010 Wien
Tel.: +43 1 587 96 63 21
Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Do. 10.00 bis 21.00 Uhr
office@k-haus.at
www.k-haus.at
Buch-Tipp:
Megacool 4.0. Jugend und Kunst. Hrsg. v. Birgit Richard und Heinz-Hermann Krüger. Kerber Verlag: Bielefeld 2012. Seiten: 104. Euro 18. ISBN-13: 978-3866787445
sasch/ene
Fotos ©:
Künstlerhaus, wienXtra




