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Vienna´s weekly European journal

Mit Subversion und Ironie unterwegs in guter Gesellschaft

24. Juli 2012

Ausflugstipp Krems

Mit Subversion und Ironie unterwegs in guter Gesellschaft

1: Francis Picabia, Autoportrait, 1923
2: Francis Picabia, Impétuosité française, 1914.
Francis Picabia "Autoportrait" (1923) und "Impétuosité française" (1914)

Wer war Francis Picabia? Eine Frage, die die Kunsthalle Krems noch bis Anfang November zu klären versucht. Oder doch nicht? Denn wer von der Schau eine eindeutige Antwort erwartet, ist hier fehl am Platz. Wer allerdings wissen möchte, wie einer es geschafft hat, sich allen Zuschreibungen zu entziehen und dadurch zum Pionier eines neuen Zeitalters zu werden, der ist in dieser groß angelegten Retrospektive schon besser aufgehoben.

Impressionismus, Fauvismus, Kubismus, Dadaismus, Hyperrealismus und – wer hätte es gedacht – Pop Art: es gibt, so wie es aussieht, kaum eine Kunstströmung des 20. Jahrhunderts, die Maler und Poet Francis Picabia nicht ausprobiert oder mitgeprägt hätte. Lange blieb er allerdings bei keiner haften und wurde somit gleich von nachfolgenden Generationen zum Wegbereiter der Postmoderne ausgerufen. Doch bevor es soweit kommen konnte, zunächst einmal alles der Reihe nach.


3: Francis Picabia, Tableau Rastadada, 1920
4: Francis Picabia, La Brune et la Blonde, ca. 1941-42
5: Francis Picabia, Andalouse (Espagnole à la mantille), ca. 1926-1927
Francis Picabia "Tableau RastaDada" (1920), "La brune et la blonde" (ca. 1941-42) und "Andalouse (Espagnole à la mantille)" ca. 1926-1927

Meister der subversiven Ironie
Geboren wurde der Querdenker Picabia – dem Zeit seines Lebens alle Dogmen und Hierarchien zuwider waren – am 22. Jänner 1879 als Sohn eines kubanischen Botschaftsattachés und einer Französin in Paris. Nach erster Anerkennung als impressionistischer Maler wandte er sich gelangweilt vom schnellen Erfolg dem Divisionismus und der fauvistischen Landschaftsmalerei zu. Eine verhältnismäßig kurze Phase seines Schaffens, denn schon bald begann er mit semikubistischen Landschaften zu experimentieren und schuf im Anschluss eine Reihe von mechanomorphen Werken. Diese Maschinenbilder löste er aus dem Kontext des technisch-wissenschaftlichen Umfelds und funktionierte sie zu abstrakten, oft erotisch anmutenden Objekten um, beinflusst von Marcel Duchamp – dem „Erfinder“ jener "Ready mades“. Beide Künstler sollte eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Ein anderer berühmter Weggefährte Picabias war der Surrealist André Breton. Und obwohl viele Werke Bretons – vor allem seine „Transparences“ – bei Ausstellungen der Surrealisten gezeigt wurden, blieb Picabias Verhältnis zu den Surrealisten ein distanziertes.
Distanziert hatte er sich auch schnell vom Dadaismus, dem er in den Anfangsjahren maßgeblich seinen Stempel aufgedrückt hatte. Am Höhepunkt des Dadaismus schrieb er in der Zeitschrift „Comoedia“: „Meine Kollegen langweilen mich immer mehr, die einen, weil sie glaubten, wichtige Persönlichkeiten geworden zu sein, und die anderen durch ihre Nichtigkeit, ihre Schwachsinnigkeit oder Flegelei.“

Nicht die letzten verbalen Hiebe, die der Meister der subversiven Ironie seinem Umfeld zufügte. Immer wieder stieß er Kunstkritiker und die Leute aus der feinen Gesellschaft vor den Kopf. Letzteres vor allem mit seinen so genannten „Monsterbildern“, in denen er die Oberflächlichkeit und Affektiertheit der Bourgeoisie – in deren Kreisen er sich selbst bewegte – karikierte. Die Kritiker echauffierte er, da er in Zeiten allgemeiner Kritikerbegeisterung für das Abstrakte begann, orientiert an der Ikonenmalerei, spanische Damen in Tracht zu malen.


6: Francis Picabia, Femme nue, ca. 1942
7: Francis Picabia, Effet de soleil sur les bords de l'Yonne en hiver, 1905
Francis Picabia "Femme nue" (ca.1942) und "Effet de soleil sur les bords de l'Yonne en hiver" (1905)

Pionierleistungen
Nicht das letzte Mal, dass das weibliche Geschlecht Modell stand. In seinen späteren Jahren begann er sich der hyperfotografischen Malerei zuzuwenden. Als Vorlage dienten ihm Damen aus Erotik- und Trivialmagazinen. Lange Zeit wurden diese Bilder von den Kritikern als Kitsch deklariert oder gar zur heroischen Malerei im Stile des Nationalsozialismus verunglimpft. Erst spätere Generationen wie Sigmar Polke oder Martin Kippenberger erkannten das subversive Element, das in den Arbeiten durch die Neukombinationen der verwendeten Sujets geschaffen wurde und sorgten für eine Neubewertung des Künstlers, die Picabia zum Pionier der Postmoderne werden ließ.

Nach Ausstellungskurator Hans-Peter Wipplinger nicht die einzige Pionierleistung dieses schwer einzuordnenden Künstlers. So läutete er mit einer Reihe von Papierschnipseln, auf die er Gegenstände zeichnete und diese mit Preisangaben versah, bereits die Pop Art ein, lange bevor Andy Warhol sie lautstark zu Tage förderte.
Warum der Kopf rund ist
Unter großer Anstrengung an das Licht der Öffentlichkeit befördert hat man auch die rund 180 Ausstellungsobjekte. Diese kommen aus 50 verschiedenen Institutionen und Privatsammlungen. Ein einziges Gemälde stammt aus einem österreichischen Museum. Picabia scheint bis dato an Österreich mehr oder weniger spurlos vorüber gegangen zu sein. Ein Umstand, den man mit dieser auch für Europa umfangreichen Picabia-Retrospektive zu ändern versucht. Ob Pop Art Schnipsel, weibliche Akte, Entwürfe für Zeitschriften oder die abstrakten Punktbilder seiner letzten Schaffensperiode: die Kunsthalle Krems zeigt von allem etwas. Ein bisschen zu kurz kommt dabei allerdings Picabias literarisches Werk. Gerade letzteres hätte man im Sinne eines interdisziplinären Wechselspiels besser in die Schau einflechten können. Dafür werden die BesucherInnen allerdings mit Picabias und Rene Clairs 20-minütigem dadaistischem Stummfilm „Entr´acte“ entschädigt. Alles in allem wirft die Schau einen recht interessanten Blick auf das Werk eines der vielseitigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der sich einmal selbst als Antikünstler und Ungeheuer beschrieb und von dem der Aphorismus stammt: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann.“ Was seine Kunst angeht – soviel kann man nach dem Besuch der Ausstellung zumindest sagen – da hat er Wort gehalten.  









Info:
Was sich in Krems sonst noch tut
Ein interessanter Mix erwartet auch jene BesucherInnen, die sich ein bisschen mehr Zeit nehmen und noch im Forum Frohner und im Karikaturmuseum vorbeischauen. Während man in ersterem in die Welt des blauen Dunstes eintaucht, wandelt man in zweiterem auf den Spuren eines der wohl interessantesten deutschen Kinderbuchautoren. Nur, dass der Erfinder von Tigerente und Bär bei weitem mehr ist als ein Kinderbuchautor. Das Karikaturmuseum zeigt neben 150 Bildern für Kinder auch Janoschs Erwachsenenwerk. Alleine schon das ist sehenswert. Auf humorige Weise nimmt sich der Zeichner und Autor hier den Themen Sexualität, Religion, Kindheit und Liebe an. Wer sich für die Praxis des Rauchens interessiert, der sollte wie bereits erwähnt im Forum Frohner vorbeischauen. Die Ausstellung, die sich dem Thema des Rauchens in der Kunst widmet, ist nicht nur für Freunde des Tabakkonsums sehenswert. Neben Bildern von Rauchenden – von Kolo Moser über Helmut Newton bis Kiki Kogelnik und Otto Mühl – erwarten die BesucherInnen hier auch kostbare Meerschaumpfeifen, Zigarrenschneider und Etuis.

Mit riesigen Skulpturen wartet hingegen der österreichische Künstler Elmar Trenkwalder in der großen zentralen Halle der Kunsthalle auf. Seine oft bizarr erscheinenden lackierten Tonkonstruktionen wirken wie phantastische Architekturen von untergegangenen Zivilisationen. Ein kurzer Blick lohnt sich auch in die Factory, wo Svenja Deininger mit ihren minimalistisch abstrakten Werken aufwartet.

Info:
Francis Picabia. Retrospektive
15. Juli bis 4. November 2012
Kunsthalle Krems
Franz-Zeller Platz 3
3500 Krems an der Donau
+43 2732 908010
office@kunsthalle.at
www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr

Elmar Trenkwalder. Ornament und Obsession
15. Juli bis 14. Oktober 2012
Kunsthalle Krems

Svenja Deininger
15. Juli bis 30. September 2012
Kunsthalle Krems Factory

Im blauen Dunst
Tabak in der Kunst
Noch bis 30. September 2012
Forum Frohner
Minoritenplatz 4
3504 Krems-Stein
office@forum-frohner.at
www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: täglich 11 bis 17 Uhr

Janosch. Tiger, Ente, Bär & mehr
Noch bis 15. November 2012
Karikaturmuseum Krems
Steiner Landstraße 3a
3500 Krems
Tel.: +43 2732 908020
office@karikaturmuseum.at
www.karikaturmuseum.at

Anreise mit Bahn und Schiff:
http://fahrplan.oebb.at
http://www.cusoon.at/donauschifffahrt-wachau-ddsg-blue-danube

sasch