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Vienna´s weekly European journal

Neue Strategien

Wien bei Nacht
Stadtentwicklung

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Neue Strategien

Die städtebauliche Entwicklung als Dokument der europäischen Geschichte

Die Gründung von Siedlungen wurde möglich, als vor Jahrtausenden Nomaden den Gebrauch von Saatgut entdeckten und sesshaft wurden. Siedlungen konnten zu Markt- und Handelsplätzen werden, wenn sie verkehrsgünstig lagen. Auch sozioökonomische und politisch-rechtliche Rahmenbedingungen waren entscheidend für die Entwicklung zur Stadt (eine ausführliche Darstellung der Bevölkerungsentwicklung Wiens findet sich am Ende dieses Artikels im zweiten Teil).

Geschichte prägt die Stadt

Wien zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Geschichte in der Architektur der Stadt in außerordentlich hohem Maß widerspiegelt. Die städtebauliche Entwicklung dokumentiert nicht zuletzt die Meilensteine der europäischen Geschichte. Dieser zeitliche Bogen spannt sich vom Mittelalter mit den gotischen Kathedralen über die Symbole der weltlichen Macht im Zeitalter der Renaissance und des Barocks bis zum dominierenden Stadtbild der Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts.

1857 wurde beschlossen, die Basteien, die die Innere Stadt umgaben, abzureißen. Diese Entscheidung beeinflusst die Stadtstruktur bis heute nachhaltig.

An Stelle der weiten Wiesen um den Kranz der Stadtmauern trat die Ringstraße, mit der sich die Monarchie ein bis heute weltberühmtes Denkmal setzte.
 
Der Blick in die städtebauliche Vergangenheit einer Stadt ist notwendig, denn das Kennen der eigenen Historie ist erforderlich, um Entscheidungen in der Gegenwart bewusst treffen zu können; Entscheidungen, die nachhaltige Auswirkungen auf das gesamte städtische Geschehen der nächsten Generationen mit sich bringen.

In Wien befinden sich Stätten des von der UNESCO anerkannten Weltkulturerbes. Die Stadt steht daher vor der Herausforderung, einerseits das historische Bauerbe zu bewahren, andererseits im Sinne einer modernen Stadt eine moderate innerstädtische Stadtentwicklung und zukunftsweisende Architektur zuzulassen.

Blick auf das Kunsthistorische und Naturhistorische Museum Wien in der Dämmerung

Die beiden imposanten Museen am Maria-Theresien-Platz wurden Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet

Neue Situation – neue Strategie

Für Wien ergab sich mit Anfang der 1990er Jahre eine kaum mehr erwartete neue Situation, mit der sich die Stadtplanung konfrontiert sah. Nach Jahrzehnten einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung, die sich gemäß dem Stadtentwicklungsplan 1984 in Prognosen mit einer Bevölkerungszahl von ca. 1,4 Mio. EinwohnerInnen für das Jahr 2001 niederschlug, mussten diese Prognosen Anfang der 90er Jahre entscheidend revidiert werden. Entsprechend der aktuellen Bevölkerungsstatistik beträgt die EinwohnerInnenzahl Wiens heute über 1,73 Mio (Stand 2011, Quelle: Statistik Austria: Bevölkerungsregister). Die Gründe für den rasanten Bevölkerungsanstieg liegen in einer positiven Bevölkerungsbilanz und einer verstärkten Zuwanderung.

Der Fall des Eisernen Vorhanges im Herbst 1989 und die damit verbundene neue geopolitische Lage Wiens sowie der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union mit Beginn des Jahres 1995 trugen neben dem Bevölkerungsanstieg wesentlich zu einem Entwicklungsschub Wiens bei, der sich auch in der steigenden Nachfrage nach Wohnraum und Arbeitsplätzen zeigte. Die gestiegenen Qualitätsanforderungen an den Wohnraum sowie der verstärkte Nachfragetrend u. a. durch die Zunahme der (Single-)Haushalte waren weitere Gründe für das gesteigerte Bedürfnis nach geförderten Neubauwohnungen seit Beginn der 90er Jahre.

Diese für Wien geänderten Rahmenbedingungen führten zu Beginn der 90er Jahre zum Beschluss der Wiener Stadtregierung, den geförderten Wohnungsneubau auf 10.000 jährlich anzuheben. Dies erforderte eine Überarbeitung des Wiener Stadtentwicklungsplans (STEP) aus dem Jahre 1984, in dem das Hauptaugenmerk der Stadtentwicklungspolitik noch auf die Erneuerung und Anhebung der Lebensqualität in den dicht bebauten Stadtbezirken gerichtet worden war.

STEP 94 gibt Richtung vor

Die „Leitlinien für die Stadtentwicklung Wiens“ wurden 1991 neu konzipiert.

Ein neues Wiener Verkehrskonzept wurde ausgearbeitet und gemeinsam mit dem neu erstellten Stadtentwicklungsplan 1994 im Gemeinderat angenommen.

Die Stadt Wien setzte sich zum Ziel, den Modal Split (die Verkehrsaufteilung zwischen motorisiertem Individualverkehr, öffentlichem Verkehr, Radfahren und Zufußgehen) im täglichen Berufsverkehr zu Gunsten der Verkehrsarten des Umweltverbundes, in dem der öffentliche Verkehr, der Fußgänger- und der Radfahrverkehr zusammengefasst werden, zu erhöhen.

Außenansicht Hauptbibliothek Wien mit daruntergeführtem U-Bahn-Waggon
Großes Segeldach auf dem Urban-Loritz-Platz vor der Hauptbibliothek

Seit 2003 befindet sich die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz

Mit dem STEP 94 wurde das Ziel verfolgt, den Stadtumbau in den dicht bebauten Bezirken Wiens weiter voranzutreiben, außerdem sollte die Wohnungsnachfrage durch gestalterisch qualitätsvolle und infrastrukturell voll ausgestattete Projekte, möglichst mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr, in den Stadterweiterungsgebieten abgedeckt werden. Wesentlicher Eckpfeiler der Wiener Stadtentwicklungsphilosophie ist die sanfte Stadterneuerung in den dicht bebauten Stadtgebieten, Renovierungen und Hofentkernungen stehen dabei im Vordergrund.

Eine wesentliche Maßnahme zur Qualitätssteigerung in Architekturbelangen ist die Durchführung von Architektur- und Städtebauwettbewerben im öffentlichen Bereich. Davon ist neben dem sozial geförderten Wohnbau vor allem der Bereich der sozialen Infrastruktur – wie Schulen und Kindergärten – betroffen.

Ein weiterer wesentlicher Eckpunkt des Wiener Stadtentwicklungsplans ist der Erhalt der großen zusammenhängenden Grünflächen. 52 Prozent des Wiener Stadtgebietes sind Grünflächen und diese sollen auch für zukünftige Generationen bewahrt werden.

Boom bei Büroflächen

Die Nachfrage nach Büroflächen hat sich auf Grund der Expansion zahlreicher großer Unternehmen und der zunehmenden Bedeutung Wiens als Standort für die Osteuropazentralen internationaler Firmen enorm dynamisiert. Die Schwerpunkte liegen im Süden Wiens sowie entlang der U-Bahnlinien.

Skyline Luftbild Wien Donaucity

Die Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum (WED) schuf mit dem Bau der "Donauplatte" eine Vergrößerung des Areals

Bürgerbeteiligung in der planenden Verwaltung

Die Bürgerbeteiligung – ein Begriff, der Anfang der 1970er Jahre in Wien noch nicht zum Vokabular eines Stadtplaners zählte – gewann in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung und ist mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil eines jeden größeren Stadtentwicklungsvorhabens.

Der traditionelle Regelkreis der Stadtplanung von Investoren, Verwaltung und Politik wurde aufgebrochen und um Bürger/innen und Betroffene erweitert.

Planungen in Wien mit Elementen der Bürgermitsprache:

Beispiel Donauinselplanung
Die Donauinselplanung Anfang der 70er Jahre legte einen Grundstein für offene Planungsabläufe bei Wiener Großprojekten. Die Einbeziehung der Bürger beschränkte sich jedoch im Wesentlichen auf breit angelegte Information. Geplant wurde von verwaltungsinternen und -externen Planern. Bemerkenswert daran war, dass eine ursprünglich ausschließlich als Hochwasserschutz konzipierte Maßnahme zum größten Erholungsprojekt Wiens transformiert wurde. Entlang der 25 Kilometer der so genannten Neuen Donau, die Badewasserqualität hat, werden an Spitzentagen bis zu 300.000 Besucher/innen gezählt.
 
Gebietsbetreuung und partielle Stadterneuerung
Modellcharakter hat sicherlich die Anfang der 1970er Jahre begonnene Einrichtung von so genannten Gebietsbetreuungslokalen. Die Gebietsbetreuungslokale in den dichten gründerzeitlichen Wohngebieten stellen das Verbindungsglied zwischen Stadtplanung, Haussanierern und betroffener Bevölkerung dar. Parallel dazu wurde das Modell der sanften Stadterneuerung entwickelt, das statt Abriss und Neubau eine möglichst schonende Sanierung der Substanz unter weitestgehender Wahrung der Bewohnerstruktur vorsieht. Im Rahmen der Gebietsbetreuungen können Bürger/innen konkret Ideen und Vorstellungen einbringen, der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig im Servicebereich für BürgerInnen. Die Tätigkeit der Stadtplanung findet in diesem Bereich in enger Verschränkung mit präventiver Sozialarbeit statt. Diese Form der kleinräumigen Einbindung von Bürgerinteressen zählt sicherlich zu den unspektakulären, aber im Endeffekt sehr wirkungsvollen Formen der Bürgerbeteiligung.

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