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Rayon „Sokol“ – Hart umkämpfte Tradition

Serie: Bezirke

Rayon „Sokol“ – Hart umkämpfte Tradition

1: Siedlung Sokol in Moskau

Für unsere aktuelle Bezirksserie begeben wir uns diesmal in die russische Hauptstadt und begutachten den einzigartigen Rayon „Sokol“.

Moskau hat zehn Stadtbezirke, die praktisch alle, ausgenommen der Stadtbezirke „Zentrum“ und „Selenograd“, nach den Himmelsrichtungen (Nord, Süd, Ost, West, Nord-Ost, Nord-West, Süd-West, Süd-Ost) benannt sind. Alle Bezirke haben durchschnittlich ein Territorium von 100 bis 150 Quadratkilometer und eine EinwohnerInnenzahl von 900.000 bis 1,5 Mio. Das sind, genau genommen, mittelgroße Städte für sich, die in jeweils 12-17 Rayons unterteilt sind. Unser Beitrag behandelt den außergewöhnlichen Rayon „Sokol“ („Falke“). Seine Besonderheit ist ein einzigartiges Holzhausdorf inmitten der Hochhäuser und seine hart umkämpfte Tradition.


2: Polenow-Straße in Sokol
3: Siedlung Sokol

In der Polenov-Straße in Sokol wurden ausschließlich kanadische Ahorne angepflanzt

Der Rayon Sokol stellt sich vor

Sokol liegt im Stadtbezirk „Nord“ (12-15 Minuten U-Bahnfahrt vom Stadtzentrum), ist 305 Hektar groß, verfügt über 35 Straßen und eine gleichnamige U-Bahnstation. 57.000 Menschen leben hier. Der Bezirk ist für seine wissenschaftlichen Institutionen und Lehranstalten berühmt: hier gibt es neun Architekturbüros, drei wichtige Moskauer Hochschulen – die Technische Universität, die Moskauer Akademie für Lebensmittelproduktion und die Akademie für Kunstindustrie – sowie das Werk „Almaz“ („Diamant“), das Forschungsinstitut für Pharmakologie, acht allgemeinbildende Schulen, 16 Kindergärten, zwei Berufsschulen, zwei Sportschulen, drei Bibliotheken, 22 Sporthallen, einen Kultur- und Erholungspark. Aber das Bemerkenswerte an diesem Rayon ist die so genannte „Siedlung der Maler“ und ein spezielles Museum.

Geschichtliche Wurzeln

Die Geschichte des Bezirks geht auf die Siedlung „Heilige Väter“ und ein kleines Kloster zurück. Im Testament des Fürsten Iwan Patrikejew Ende des 15. Jahrhunderts wird der Name der Siedlung „Heilige Väter“ als Nachlass für seinen Sohn erwähnt. Hier machten Auslandsgesandte Halt, bevor sie nach Moskau kamen. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die Siedlung in harten Kämpfen verwüstet und erst unter dem Bojaren Iwan Miloslawski neu errichtet. Im Jahre 1704 gab es in der Siedlung schon 31 Höfe mit insgesamt 119 Menschen, darunter 20 Bauernhöfe. Während des Napoleonischen Krieges wurde die Siedlung wiederum verwüstet. Im Jahre 1834 wurde die Sankt-Petersburger Chaussee gebaut und die Siedlung immer mehr zu einem lebhaften Vorort von Moskau. 1884 gab es hier schon 52 Datschas, eine Fabrik, neun Lokale, eine Militärschule und 300 EinwohnerInnen. Im Jahre 1897 wurde eine Eisenbahnlinie hierher verlegt. Die Siedlung der „Allerheiligen“ wurde erst im Jahre 1917 offiziell an Moskau angeschlossen. Für die Sowjetmacht war der Name „Allerheilige“ jedoch nicht annehmbar und im Jahre 1928 wurde die Siedlung kurzfristig nach dem Kommunisten Usiewitsch benannt. Der Name „Siedlung Sokol“ wurde im Jahre 1933 begründet, die Geschichte der Siedlung der „Allerheiligen“ war damit endgültig vorbei.


4: Protestaktion
5: Exponate im "Museum der Siedlung Sokol"

L.: AnrainerInnen-Protestaktion; r.: die Exponate im "Museum der Siedlung Sokol" dokumentieren die über 100-jährige Geschichte des Rayons

Ruhiger und grüner Ort außerhalb des Stadtzentrums

Diesen Ruf trägt der Rayon Sokol, weil er zum großen Teil aus privaten Einfamilienhäusern besteht und die Grün- und Parkanlagen über 20 Prozent des Territoriums einnehmen. Selbst die Tatsache, dass die wichtige „Leningradskoje Chaussee“ und die Eisenbahnlinie zum Flughafen „Scheremetjewo“ durch dieses Territorium führen, schadet der Ruhe nicht.

Die Geschichte des heutigen Rayons Sokol beginnt bei einem Beschluss der Stadtduma vom 9. Dezember 1903, auf diesem Territorium ein Krankenhaus sowie eine Gartenstadt zu bauen. Den Anstoß gab auch die Wohnungsknappheit. Die bürokratische Abwicklung dauerte bis 1912, dann kamen der Erste Weltkrieg und die Revolution, die die Realisierung der Pläne verhinderten. Erst im Jahre 1923 wurde die Wohngemeinschaft Sokol gegründet, in der sich namhafte Architekten und Künstler, darunter der berühmte Maler Alexander Gerasimow (er allein durfte Porträts von Stalin machen), der Bildhauer Andrej Feidysch, der Sekretär und spätere Verleger von Leo Tolstoj, Wladimir Tschertkow und andere einfanden. Der Vertrag sah die Pacht eines Grundstücks von über 50 Hektar für 35 Jahre vor, innerhalb von sieben Jahren sollten 200 Häuser gebaut werden. Im Jahre 1931 wurde die Siedlung fertig gestellt und das letzte Haus besiedelt. Die Straßen tragen noch heute Namen von weltberühmten Malern: Brüllow-Straße, Polenow-Straße, Schischkin-Straße, Wrubel-Straße etc. Interessantes Detail am Rande: Jede Straße ist nur mit einer Baumart bepflanzt (z. B. gibt es in der Polenow-Straße nur kanadische Ahorne, in der Surikow-Straße nur Linden, in der Schischkin-Straße nur Eschen etc.).

Der harte Kampf ums Überleben

Im Jahre 1933 wurde „die Siedlung der berühmten Maler“ mit dem Stadtzentrum durch die erste Buslinie verbunden. Etwas später folgten eine Straßenbahnlinie und 1937 die zweite Moskauer U-Bahnlinie mit der Endstation Sokol. Um die Siedlung herum wurden immer mehr neue vielstöckige Häuser errichtet, die mit Holzhäusern bebauten Stadtrandviertel wurden dadurch gefährdet. Ende der 1930er Jahre wurden alle Wohngemeinden in Moskau liquidiert, nur Sokol blieb als Wohngemeinschaft dank des starken persönlichen Einsatzes der EinwohnerInnen erhalten. Sokol war nun keine Stadt und keine Siedlung mehr. Der harte Kampf ums Überleben dauerte weiter an.

Im Februar 2010 bemängelte der Präfekt des Stadtbezirks Nord, Oleg Mitwol, die wenig platzsparende Bauweise mancher Häuser in Sokol. Die EinwohnerInnen der Siedlung organisierten eine Protestaktion, Präfekt Mitwol wurde 2010 entlassen. Es ist nicht verwunderlich, dass Sokol sowohl den reichen „neuen Russinnen und Russen“ als auch der Regierung ein Dorn im Auge ist. Die alten verfallenen Häuser, die zum Teil seit ihrer Errichtung nicht saniert wurden und keine zentrale Wärme- oder Wasserversorgung haben, sind durchschnittlich 1,5 Mio. USD wert und niemand will ihr/sein Haus verkaufen. In den letzten 15 Jahren haben höchstens ein Dutzend Häuser ihre BesitzerInnen gewechselt. Die BewohnerInnen ehren den Nachlass ihrer Eltern und Großeltern. In der Siedlung leben und lebten Helden und Veteranen der Sowjetunion. Hier wurde eine Gedenkstätte für die in den Weltkriegen gefallenen Kämpfer errichtet.


6: Gedenkstein
7: Siedlungszeitung "Stimme Sokols"

Gedenken an die Veteranen und KriegsarbeiterInnen der Siedlung Sokol



In einem Zimmer der Siedlungsverwaltung, möglicherweise ein bisschen übertrieben als "Museum der Siedlung Sokol" bezeichnet, sind Geschichte und Gegenwart des Rayons dokumentiert. „Unser Museum ist klein, aber es erzählt von den Menschen, die die Siedlung gegründet haben und von späteren Generationen und Veteranen“, so die stellvertretende Leiterin der Siedlungsverwaltung, Maria Zhukowa. „Alle Exponate sind mit irgendwelchen Ereignissen verbunden. Zum Beispiel liegt neben den Offizierstaschen ein Wrackstückchen vom weltgrößten Flugzeug, der berühmten „Maxim Gorky“, die am 18. Juni 1935 gerade über der Siedlung auf die Lewitan-Straße abgestürzt war“, erzählt Maria. Stolz zeigt sie uns eine bunte Zeitschrift: „Wir haben unsere Siedlung gern und versuchen, alte Traditionen zu bewahren, auch mit Hilfe unserer Zeitung, der „Stimme Sokols“.











Lesen Sie auch unsere Serie: 23 Mal Wien

Link:
www.gidway.ru/interesnie-mesta/poselok-chudozhnik-sokol
www.moscow.org/moscow_encyclopedia/photopage_246.htm
http://poseloksokol.narod.ru/

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