1: Szene aus Weit.Way.Land.

Wiener Off-Theater

Vom Dunkel in unserer Seele


Liebe, Lüge, Leidenschaft – das ist bekanntlich der Stoff, aus dem ein Theaterstück oft besteht. Selbiges gilt – zumindest auf den ersten Blick – auch für „Weit.Way.Land“, einer gleichsam coolen wie witzigen Verschränkung von Schnitzlers „Das weite Land“ und David Lynchs „Lost Highway“, das noch bis Ende Jänner im Wiener Off Theater zu sehen ist.

Gemixt und inszeniert wurde die gelungene Stück-Film-Melange vom bernhard ensemble, das seit 2006 das Theater gemeinsam mit der Märchenbühne Apfelbaum betreibt.


2: Szene aus Weit.Way.Land.
3: Szene aus Weit.Way.Land.

Leben in der Oberflächenwelt
Märchenhaft, so könnte man meinen, sind auch die Lebensumstände des Glühbirnen-Fabrikanten Friedrich Hofreiter, der Hauptperson in Schnitzlers Tragödie. Doch weit gefehlt: Trotz Reichtum, Charme und Witz befindet sich der Mittvierziger in der Krise. Er weiß es zunächst nur noch nicht. Und auch der Zuschauer könnte seinem Getue zwischen Firmenexpansionsplänen und jugendlichem Elan auf den Leim gehen, wäre da nur nicht jenes grüne Schlangenwesen im knallgrünen Ganzkörperanzug, das sich unaufhörlich auf der Bühne windet. Ein gelungener Kunstgriff des Regie-Duos Ernst Kurt Weigel und Grischka Voss. „Was Schnitzler nicht sagt, macht man mit Lynch vernebelt sichtbar", bekennt Voss gegenüber dem Kulturjournal des ORF. Von Lynch inspiriert wurde auch der Einschub mit dem Videofilm. So wird aus dem Pianisten Korsakov, der sich aus unglücklicher Liebe zu Hofreiters Frau umbringt, in „Weit.Way.Land“ ein Videokünstler mit Hang zum Pornografischen. Wie in Lynchs Kultfilm findet das ins Wien des 21. Jahrhunderts transformierte Bobo-Pärchen seltsame Videobotschaften vor der Tür, die Hofreiters Welt ins Wanken bringen. Er muss erkennen, dass der gute Korsakov sich offensichtlich aus Liebe zu seiner Frau Genia das Leben genommen hat.


4: Szene aus Weit.Way.Land.


Ein Almtrip muss her um dem Wiener Bobo-Leben zu entfliehen. Doch auch hier verlassen die ProtagonistInnen ihre Welt in Wahrheit nicht. Hofreiter beginnt in der Euphorie der Gefühle einer gelungenen Gipfelbesteigung ein Verhältnis mit Erna, der Tochter von Alptraummutter Frau Wahl. Frau Wahl, in Schnitzlers Werk mit „sie näselt ein wenig, spricht ein nicht ganz echtes aristokratisches Wienerisch“ beschrieben, wird humorvoll dargestellt von Grischka Voss, die zugleich den giftgrünen Dämon gibt. Das Outfit von Frau Wahl hat etwas von einer in die Jahre gekommenen Szene-Raverin – besser könnte Schnitzlers Figur wohl kaum ins 21. Jahrhundert katapultiert werden.
Aktueller denn je
Generell fangen Voss und Weigel das moderne Bobotum äußerst gekonnt ein. Selbstfindung zwischen Videobeamer, Party und Life-Coaching. Doch da ein Leben an der Oberfläche langfristig selten gut gehen kann, kommt es, wie es kommen muss – zum Eklat. Hofreiter, selbst ein Frauenheld, kann nicht nur die Affäre seiner Frau nicht verkraften, sondern steckt trotz gespielter Toleranz in Wahrheit immer noch in den Geschlechterrollen des letzten Jahrhunderts fest. Diesbezüglich erweist sich Schnitzlers Werk als aktueller denn je. Zeigt es doch, dass die Doppelmoral noch längst kein überwundenes bürgerliches Erbe darstellt. Und auch was den Kapitalismus angeht ist Schnitzler heute aktueller, als er es möglicherweise noch vor ein paar Jahren gewesen ist.

Summa summarum erwartet den Theaterbesucher ein gelungener Abend mit viel Witz, einem Schuss Mystery und einer Portion Gesellschaftskritik.





Info:
Weit.Way.Land
frei nach Arthur Schnitzler und David Lynch
eine Stück/Film Überkreuzung des Autoren-/Regieduos Weigel/Voss nach „Das weite Land“ und „Lost Highway“

Das Off Theater
Weißer Saal
Burggasse 28-32/2
1070 Wien

Termine: 25., 26., 29. November, 6., 9., 10., 13., 16., 17. Dezember 2011
10., 13., 14., 17., 20., 21., 24, 27., 28. Jänner 2012
immer 19:30 außer 25. November (20:00) und 16. Dezember (20:00)
karten@off-theater.at oder +43 676 360 62 06
http://www.off-theater.at



Tipp:
Schnitzler im Volkstheater
Nach dem Burgtheater und der Josefstadt wartet nun auch das Volkstheater mit einer Schnitzler-Inszenierung auf. Ausgesucht hat man sich kein leichtes Stück. Es ist „Der einsame Weg“, jenes erste große Gesellschaftsdrama Schnitzlers, das 1904 seine Premiere am Deutschen Theater in Berlin erlebte. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Johanna (Nanette Waidmann) und Felix (Simon Mantei), die mit Krankheit und Tod der Mutter immer mehr an Boden verlieren. Während der junge Mann zunächst in dem Maler Julian Fichtner (Günter Franzmeier) einen väterlichen Freund erkennt, weicht er erschrocken von diesem zurück, als er erkennen muss, dass es sich bei dem Maler in Wirklichkeit um seinen leiblichen Vater handelt. Tatsächlich scheint Fichtners Offenbarung, der tatsächliche Gen-Spender zu sein, aus wenig ehrbaren Motiven zu erfolgen. Der Künstler muss sich am Ende seines Lebens als Gescheiterter erkennen und hofft, indem er den jungen Mann in sein Leben lässt, einen neuen Sinn darin zu erkennen. Doch Fichtners Plan scheitert, ebenso wie der Plan des Familienfreundes Stephan von Sala (Denis Petkovic), der versucht, die beiden Geschwister zu einer Reise zu überreden. Wie wenig dies durchdacht ist, und in Wahrheit nur Salas Angst und Orientierungslosigkeit widerspiegelt, wird sich am Ende weisen. Während Johanna sich im Verlauf der Handlung immer mehr von der Welt entfremdet, begegnet Felix ihr zunehmend mit der Härte eines Mannes des Militärs. Viele der im Stück angesprochenen Themen wie Einsamkeit, Selbstmitleid und Realitätsflucht sind tatsächlich auch heute noch brandaktuell. Doch trotz offensichtlicher Parallelen zum heutigen neoliberalen Ellenbogendenken wirkt das Stück etwas angestaubt. Zudem benötigt man als Zuschauer einiges an Durchhaltevermögen, um in der ersten halben Stunde nicht den Faden zu verlieren. Erst mit dem Auftauchen der Schauspielerin Irene Herms (Heike Kretschmer) kommt Leben auf die Bühne, was jedoch noch lange nicht ausreicht, um das Steuer endgültig herumzureißen und aus „Der einsame Weg“ eine gelungene Inszenierung zu machen. Dafür hätte es trotz des streckenweise netten Bühnenbildes mehr gebraucht.
www.volkstheater.at

Die Besten aus dem Osten
Es ist wieder soweit: Der Hundsturm macht sich bereit für eine neue Folge „Die Besten aus dem Osten“. Dieses Mal widmet sich die Dependance des Volkstheaters der Tschechischen Republik. An zwei Tagen stehen hier sowohl Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer“ - inszeniert vom Gründer des ausgezeichneten „Prager Kammertheaters“ Dušan Pařízek - als auch „Weissenstein“ von Johannes Urzidil auf dem Programm. Ergänzt wird das Programm mit Lesungen und DJ-Lines.

Die Besten aus dem Osten – Folge 9 – Tschechische Republik
25. und 26. November 2011, jeweils ab 19.00 Uhr

Hundsturm
Margaretenstraße 166
1050 Wien
Kartentelefon: +43 1 52111-400
www.volkstheater.at

(sasch)
erstellt am: 2011-11-23