12. Juni 2012
Fotogalerie
Wiederbelebung mittels Kunst

Zeitgenössische Fotografie in der ehemaligen Anker Brotfabrik und eine Galerie samt Künstlerateliers in verwaisten Geschäftslokalen des Servitenviertels: In letzter Zeit hat sich einiges in Wiens Galerienszene getan.
Freundinnen und Freunden der Fotografie längst kein Unbekannter mehr ist Peter Coeln. Vor elf Jahren eröffnete der Fotoliebhaber und Kamerasammler die Galerie WestLicht im siebten Bezirk und füllt seitdem mit spannenden Ausstellungen eine Lücke in der heimischen Ausstellungsszene. Anfang Juni folgte das OstLicht – eine Galerie in der ehemaligen Anker Brotfabrik im zehnten Bezirk.
Anders als im WestLicht – wo unter anderem jedes Jahr die Schau zum World Press Foto stattfindet – will man sich im OstLicht gänzlich auf Positionen der künstlerischen zeitgenössischen Fotografie konzentrieren. Das beinhaltet Arbeiten von Jürgen Teller ebenso wie von Wim Wenders. Mit Letzterem sei man bereits in der Endphase der Verhandlungen, betont Coeln. Doch auch eine Gruppenausstellung zum Thema Industrie sei angedacht. Ein Thema, das geradezu auf der Hand liegt: Immerhin zählte der Komplex – in dem seit 2009 unter anderem auch die Galerie Hilger mit der Brot Kunsthalle und das Designstudio lichterloh beheimatet sind – europaweit zu den größten Brotfabriken. Auf diese Vergangenheit könnte auch das Thema der Eröffnungsausstellung "Nacht" verweisen, wäre die Idee zur Ausstellung weniger der Tätigkeit des nächtlichen Brötchenbackens als vielmehr dem Umstand verschuldet, dass die zukünftige Leiterin der Galerie, Verena Kaspar-Eisert, sich als frisch gebackene Mutter so manche Nacht um die Ohren schlug. Doch was auch immer letztendlich als Inspiration für die Eröffnungsausstellung diente, das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.


Arbeiten von Reiner Riedler "Disco", Fotografien von den weißen Nächten in St. Petersburg (li.) und Roberta Lima "Three Stages of Consciousness - Self Portrait" (re.)
Nächtliche Impressionen
18 KünstlerInnen haben sich auf unterschiedliche Art und Weise der Kehrseite des Tages gewidmet. Während der in Tirol geborene Gregor Sailer mit einer selbst gebauten und an seinen Körper geschnallten Camera Obscura seine Bewegungen im nächtlichen urbanen Raum eingefangen hat, beschäftigt sich die in Wien lebende Hamburgerin Katrina Daschner in ihren Matratzenbildern mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs.Auf die Spuren der sexuellen Ausbeutung begibt sich auch die polnische Künstlerin Borjana Ventzislavova, wenn sie die von ihr abgelichteten Räumlichkeiten von Nachtclubs, Bars und Bordellen mit an die Wand geschriebenen Aussagen von verschleppten Frauen koppelt. Disco-Impressionen aus St. Petersburg erwarten die BetrachterInnen hingegen in Reiner Riedlers Arbeiten, während sich Michael Höpfner im Gegenzug dazu in die ländliche Peripherie begab.
Entstanden ist eine gelungene Ausstellung, für die – obwohl oder gerade weil etwas abseits vom Schuss – sich ein Ausflug lohnt. Für Fotografiebegeisterte bietet die Galerie auch eine Bibliothek mit 20.000 Büchern, in der man zwar weniger die Nächte als vielmehr die Tage verbringen kann. Zudem können die in der Galerie ausgestellten Arbeiten – falls man sich von einer so gar nicht mehr trennen kann –auch käuflich erworben werden.

So manche Kostbarkeit – vom individuellen Kunstfotobuch namhafter KünstlerInnen bis hin zur historischen Zeitschrift – findet sich im Bestand der Bibliothek
Künstlerischer Streifzug durchs Servitenviertel
Ebenfalls auf zahlungskräftige KäuferInnen hoffen die Betreiber der neu eröffneten Galerie „Viertelneun“ im Servitenviertel. Zur Galerie, die vom Unternehmer Andreas Niedersüss initiiert und vom Kunstexperten Raimund Deininger künstlerisch verwaltet wird, zählen neun Ateliers, die als erweiterter Ausstellungsraum gedacht sind. Während man die Arbeiten der neun an die Galerie gebundenen KünstlerInnen – darunter Monika Piorkowska, Martin Grandits und Alex Kiessling – noch bis 25. August in der Galerie besichtigen kann, muss für die Besichtigung der Studios eine telefonische Terminvereinbarung getroffen werden.Als Vorbild für dieses Modell diente das Pariser Künstlerviertel St. Germain. Inwiefern die Rechnung in Wien aufgeht, bleibt abzuwarten.
Info:
OstLicht. Galerie für Fotografie
„Nacht"
5. Juni bis 29. September 2012
Absberggasse 27
1100 Wien
Öffnungszeiten Galerie: Mi-Sa 12.00 bis 18.00 Uhr
Öffnungszeiten Bibliothek: Mi-Fr 12.00 bis 18.00 Uhr
Tel.: +43 1 996 20 66
info@ostlicht.at
www.ostlicht.at
Viertelneun. Gallery und Ateliers
Eröffnungsausstellung „Neun"
6. Juni bis 25. August 2012
Hahngasse 14
1090 Wien
Öffnungszeiten: Di-Fr 11:00 bis 18:00 Uhr, Do 11:00 bis 20:00 Uhr, Sa 11:00 bis 16:00 Uhr
office@viertelneun.at
www.viertelneun.at
sasch
Fotos ©:
Marco Pauer, Roberta Lima, Reiner Riedler / Anzenberger









