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Vienna´s weekly European journal

Wien im Gepäck

26. Juni 2012

Buchtipp

Wien im Gepäck

1: Buchcover "Jazz"
2: Ecke Kärntnerstraße/Annagasse auf alten Werbetafeln
"Jazz" von Felix Dörmann entführt seine LeserInnen in das Wien der 20er Jahre

Seltsame Ereignisse im Brunnenmarktviertel rund um den Ermittler Rock Rockenschaub oder verbrecherische Machenschaften eines gewissenlosen Spekulanten in den 20er Jahren: zwei Bücher werfen einen Blick auf Wien, den viele so sicher noch nicht getätigt haben.

„Ein grauer Novemberabend. Trüb flackern die fahlen Lichter durch den schweren Nebel. Die Pflastersteine glänzen feucht. Unsichtbare Lasten liegen schwer auf allen Seelen. Marianne Hartenthurn kommt vom Begräbnis ihres Vaters.“ Was wie die Zeilen aus einem Drehbuch klingt, ist in Wahrheit der Auftakt zu einem temporeichen Roman rund um den Aufstieg und Fall des ungarischen Exilanten Kalmar und dessen Angebeteter.
Von Drogen, Ruhm und Rache
Autor des 1925 veröffentlichten Werks ist der Wiener Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent Felix Dörmann - LiteraturwissenschafterInnen vor allem durch seine Baudelaire-Übersetzungen und Gedichtbände bekannt. Doch anders als seine schwülstigen Gedichte im Stile Baudelaires vermuten lassen, lässt Dörmann in „Jazz“ erstaunlich wenig Platz für kitschige Stimmungsbilder von Blumen und Düften. Er beschränkt sich auf den schnellen Handlungsverlauf.

Der Roman, der eine düstere Stimmung aufbaut, ist im Wien der 20er Jahre angesiedelt, einer Stadt, die als trauriger Überrest der einstigen Habsburgermonarchie Schatten ihrer selbst ist. Längst haben Spekulanten und Schieber die Stadt fest in ihrer Hand, während die Masse immer mehr zu verelenden droht. Ein Gesicht aus dieser Masse ist die weltfremde Marianne Hartenthurn, die als Tochter eines k&k-Offiziers eine Erziehung aus einer anderen Welt genossen hat. Verzweifelt, weil sie nicht die geringste Idee hat, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, begibt sie sich in die Hände des Schiebers Kalmar, der sie zur exotischen Tänzerin ausbilden lässt. Es folgen Ruhm, Drogen, ein in den Tod getriebener Liebhaber und letztendlich ein gebrochenes Herz, das sich nach nichts anderem sehnt als nach Rache an dem durch windige Geschäfte mittlerweile stinkreich gewordenen Bankdirektor und Ehemann Kalmar.
Realistisches Porträt seiner Zeit
Was sich dermaßen komprimiert nach Sensation heischendem Groschenroman anhört, ist tatsächlich im Aufbau an der Kolportageliteratur orientiert. Doch bei allen Klischees, mit denen das Buch aufzuwarten weiß, liefert es ein äußerst interessantes Stimmungsbild der Zeit. Und – schenkt man einem dem Buch beigefügten Auszug aus einer Kritik in der damals erschienenen Arbeiter Zeitung Glauben – auch ein äußerst realistisches.

Tatsächlich bildet Dörmanns „Jazz“ mitsamt seinen hilfreichen Paratexten von alten Rezessionen und Zeitzeugenberichten im Nachwort des Herausgebers Alexander Kluy einen guten Einstieg für alle, die sich mit dem Lebensgefühl der 20er Jahre auseinandersetzen wollen. Eine Zeit, die durch gewisse Ereignisse im Roman – etwa wenn es um Bankenspekulation, Immobilienerwerb und Machtgier geht – beunruhigend aktuell anmutet.


3: Buchcover "Das Schwert des Ostens"
2: Rückseite Buchdeckel "Das Schwert des Ostens"
Wien am Yppenplatz: Manfred Rebhandl zeigt, wie Gentrifizierung so vonstattengeht

Rock Rockenschaub ermittelt
Etwas weniger ernst, wenngleich nicht minder spannend, nimmt sich der Krimi des bis dato vor allem mit seinen Biermösel Romanen in Erscheinung getretenen Autors Manfred Rebhandl aus. Das Talent des gebürtigen Oberösterreichers liegt vor allem in der humorvollen und derben Übertreibung, die es im „Das Schwert des Ostens“ reichlich gibt. Tatsächlich findet sich wohl kaum eine Seite in diesem Buch, die nicht politisch vollkommen inkorrekt wäre. Nazis, Juden, Schwule, Farbige, SozialhilfeempfängerInnen, Drogendealer, Türken, Ökofeministinnen: kaum eine soziale Gruppe, die von Rebhandel klischeehaft überzeichnet nicht ihr Fett abbekommt. Da stellt auch der übercoole Superschnüffler Rock Rockenschaub, der sich als Aushilfskraft in einem Pornokino etwas dazu verdient, keine Ausnahme dar.

Als der Betreiber des Kinos, Dirty Willy, schwer verprügelt aufgefunden wird, begibt sich der wütende Schnüffler auf einen Rachefeldzug. Dabei scheint die Gewalt vordergründig so gar nicht sein Ding. Viel lieber würde sich der private Ermittler relaxed mit seinem Mitbewohner, dem Drogendealer Lemmy, dem Konsum von Marihuana hingeben und dabei seinen Lieblingspornofilm „Jack schleckt auf“ anschauen. Aber es geht im Leben halt nicht immer so, wie man will und so muss er sich zunächst einer Gruppe von türkischen Männern mit übertriebener Phallusverehrung stellen, bevor im Viertel wieder Ruhe einkehren kann. Bei diesem Viertel handelt es sich vorwiegend um die Gegend rund um den Wiener Yppenplatz, die von Rebhandl liebevoll gezeichnet wird.

Dieses detailreiche Bezirksporträt und die im Buch enthaltene, humorvoll übertriebene Sozialkritik dürften den Ausschlag gegeben haben,  dass "Das Schwert des Ostens" für den Leo Perutz Krimipreis 2012 nominiert wurde. Wir dürfen also gespannt sein, ob sich Rock Rockenschaub beziehungsweise Manfred Rebhandl mit seiner liebevollen Rüpelliteratur erneut behaupten kann.

Einen heißen Tipp fürs sommerliche Reisegepäck stellen jedenfalls mit Sicherheit beide Bücher dar. Und für alle, die an Rebhandls Schnüffler Rock Rochenschaub Gefallen gefunden haben: der Autor hat bereits einen zweiten Teil veröffentlicht.






Buch-Tipps:
Dörmann, Felix: Jazz. Wiener Roman. Wiener Literaturen 2. Hrsg. v. Alexander Kluy. Wien, März 2012. ISBN: 978-3-9024-9855-7

Rebhandl, Manfred: Das Schwert des Ostens. Czernin Verlag. Wien 2012. ISBN 978-3-7076-0403-0

sasch