Serie: Bezirke
Zagreber Bezirk Trnje

Die kroatische Hauptstadt Zagreb mit ihren rund 800.000 EinwohnerInnen bildet den Abschluss unserer aktuellen Bezirksserie. Die Metropole ist in insgesamt 17 Bezirke geteilt. Einen tieferen Einblick bieten wir heute in jenes Stadtviertel, das in den vergangenen zehn Jahren die größten Veränderungen erlebt hat, und sich von einem Arbeiterbezirk mit zahlreichen Industrieflächen in ein neues Stadtviertel entwickelt hat, dessen Potential jedoch noch längst nicht ausgeschöpft ist.


Die kroatische Hauptstadt ist in 17 Bezirke eingeteilt
Geographisches Herz von Zagreb
Der Bezirk „Trnje“ ist als das Herz von Zagreb zu betrachten. Geographisch gesehen befindet er sich genau in der Mitte der Stadt. Im Süden wird er vom Fluss Save, im Norden von der Ost-West-Eisenbahnverbindung sowie im Westen und Osten von wichtigen Verkehrsadern eingegrenzt. Im Bezirk sind zahlreiche wichtige Institutionen angesiedelt. So befinden sich dort das Zagreber Rathaus, der Sitz der Zagreber Stadtwerke, der Kroatische Rundfunk, die Zagreber Börse, die Kroatische Universitätsbibliothek sowie andere wichtige wissenschaftliche Institutionen.
Klein aber oho
Flächenmäßig ist der Bezirk mit rund 736 Hektar Fläche eine der kleineren Verwaltungseinheiten. Auch von der Bevölkerungsdichte ist der Bezirk mit rund 43.000 EinwohnerInnen im unteren Mittelfeld anzusiedeln. Jedoch hat Trnje seit Jahrhunderten eine große Bedeutung für die Stadt Zagreb, und kann mit seiner dynamischen Geschichte ohne weiteres mit den Zagreber Altstadtbezirken mithalten.
Bereits in der „Goldenen Bulle“, mit der im Jahr 1242 der ungarische König der damaligen Siedlung „Gradec“ in der heutigen Zagreber Altstadt den Status einer königlichen Freistadt verlieh, wurde der Teil „Trnje“ namentlich erwähnt, als Sitz der wichtigen Floßverbindung über den Savefluss. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war der Bezirk hauptsächlich als Überschwemmungsgebiet der Save bekannt und gefürchtet.
Seine heutigen Umrisse bekam der Bezirk in den 40er Jahren, als die wichtige Ost-West Tangente, die heutige „Vukovarska“-Straße, errichtet wurde. Zwar war der Bezirk damals noch sehr spärlich und sporadisch besiedelt, dies sollte sich jedoch bald ändern.

Die ehemalige Eisenbahnfabrik "Gredelj" wird einem neuen Stadtviertel weichen
Musterbezirk in Hinsicht auf Stadtplanung
Im Jahr 1955 wurde für diesen Stadtbereich die erste Stadtentwicklungsausschreibung überhaupt veröffentlicht. In den folgenden 15 Jahren wurden zahlreiche öffentliche Gebäude errichtet, bei deren Bau auch das Gesamtbild berücksichtigt wurde. Nach dem großen Hochwasser aus dem Jahr 1964 wurden einige Wasserschutzmaßnahmen errichtet, was den Bezirk attraktiver machte. Im westlichen Teil des Bezirks entstanden in dieser Zeit die ersten planmäßig errichteten Zagreber Wohnviertel, während im Zentrum öffentliche Gebäude wie das Rathaus und das Kreisgericht, verschiedene Universitäten, die bekannte kroatische Konzerthalle „Vatroslav Lisinski“ sowie zahlreiche andere Objekte errichtet wurden. Obwohl dieser Bereich heute, nach 40 Jahren, ein bisschen verstaubt wirkt, stellte er zu seiner Gründungszeit einen internationalen Höhepunkt im Bereich der Architektur dar.
Im Osten des Bezirks entstanden im Laufe der Jahre zahlreiche Industriegebäude, die durch den Niedergang der Industrie nach dem Fall des Kommunismus heute hauptsächlich leer stehen oder abgerissen wurden. Ein trauriges Beispiel ist die Ruine der Fabrik „Paromlin“. Seit einem Brand vor rund 25 Jahren sind nur noch die Wände der Fabrik, die 1906 errichtet wurde, erhalten. Seitdem schieben sich die jeweiligen Stadtverwaltungen die Entscheidung zu, was mit dem Fabriksgebäude, das sich am teuersten Immobilienstandort von Zagreb befindet, geschehen soll.
Boom ohne Plan - mit wenigen Ausnahmen
Der Niedergang der Industrie hat jedoch Platz geschaffen für zahlreiche Bauprojekte, die in den vergangenen zehn Jahren realisiert wurden. So entstand an der östlichen Bezirksgrenze ein neues Stadtviertel, das im Volksmund „Zagreb-City“ genannt wird. Hier siedelten sich Banken, Versicherungsgesellschaften und andere Firmen an. Zudem wurden viele Hochhäuser errichtet, die Platz für Büros schufen.
Leider wurden die neuen Objekte Mitte des 20. Jahrhunderts planlos und weit weg von den Bedürfnissen der BürgerInnen realisiert, weswegen die neuen Teile nach Büroschluss einer Geisterstadt gleichen. Auch die Stadtverwaltung konnte bei ihrem Infrastrukturausbau nicht mit diesem Bauboom des vergangenen Jahrzehnts mithalten, was eine schlechte Infrastruktur zur Folge hatte. Aufgrund dessen leidet der Osten des Bezirkes unter erheblichen Verkehrsproblemen, die vor allem während der Rushhour akut werden. Jedoch gibt es auch bei den im Allgemeinen schlecht geplanten Bauprojekten Ausnahmen. So entstand vor einigen Jahren an der südöstlichen Grenze des Bezirks die neue Leitstelle des Zagreber Rettungsdienstes. Das Gebäude wurde 2009 beim Weltarchitekturfestival mit dem ersten Preis in der Kategorie „Öffentliche Gebäude“ ausgezeichnet. Dass man nicht nur Bürogebäude errichten kann, scheinen langsam auch die Investoren zu begreifen. So wurde Anfang des Jahres das „Green Gold Center“ eröffnet. Es handelt sich um ein multimediales Kongresszentrum, das zudem Einkaufsmöglichkeiten bietet, mit zahlreichen modernen Bars und Restaurants, die sich bei den Zagreber BürgerInnen großer Beliebtheit erfreuen. Im gleichen Komplex wird Ende 2012 auch die erste Filiale der internationalen Hotelkette „Hilton“ eröffnet.

Auch der Abriss der still gelegten Fabrik "Paromlin" ist bereits geplant
Zukunftsausblick ist dennoch positiv
Auch die Zukunft des Bezirks wird im Zeichen von großen Stadtentwicklungsprojekten stehen. So soll auf einem Gebiet von 200 Hektar, auf dem sich die ehemalige Eisenbahnfabrik „Gredelj“ und die Ruine der Fabrik „Paromlin“ befinden, ein völlig neues Stadtviertel entstehen. Für die Gestaltung des „Neuen Zagreber Stadtzentrums“, wie das Areal bereits von ArchitektInnen genannt wird, wurde eigens eine neue Filiale innerhalb der Stadtwerke gegründet, welche das Projekt leiten soll. Ein weiteres „Riesenprojekt“, welches das gesamte Zagreber Stadtbild bestimmen wird, ist die Neugestaltung der ehemaligen Wurstfabrik „Zagrepcanka“. Die Stadt Zagreb kaufte das sieben Hektar große Gelände im Jahr 2005 und versucht seitdem vergeblich, einen Partner für die Neugestaltung zu finden.
Leider hat die seit vier Jahren andauernde Wirtschaftskrise beide Projekte vorerst auf Eis gelegt. Hinzu kommt, dass die vermögensrechtliche Lage des Geländes der Wurstfabrik nicht einwandfrei geklärt ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Rezession und der damit verbundene Geldmangel in den öffentlichen Kassen nicht dazu führt, dass bei der Gestaltung der Gebiete nicht Profitprinzipien, sondern das Gemeinwohl berücksichtigt wird. Dann wird der Bezirk „Trnje“ wieder als ein Musterbeispiel der Stadtplanung in die Geschichte der Stadt Zagreb eingehen.
Lesen Sie auch unsere Serie: 23 Mal Wien
Info:
Konzerthalle „Vatroslav Lisinski“
Kroatische Universitätsbibliothek
Green Gold Center
Stadt Zagreb
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