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Vienna´s weekly European journal

Zufrieden, aber nicht glücklich

Zufrieden, aber nicht glücklich

1: Graben bei Nacht
Blick aus einem für Normalsterbliche unbezahlbaren Penthouse auf den wundervollen "Graben", einen DER touristischen Hotspots in Wien

Wien kann im ersten Halbjahr 2012 neue Rekordzahlen im Tourismus vermelden. Aber nicht alles, was glänzt, ist Gold. Tourismusdirektor Norbert Kettner präsentierte am 19. Juli die Zahlen – und auch die dazugehörigen Fakten. Resümee: Es ist gut, könnte durchaus noch besser sein, aber das wird es.

Ob Jänner, Februar oder einer der anderen vier Folgemonate des ersten Halbjahres 2012, ist egal. In jedem einzelnen davon gab es neue Rekordwerte für den Wien-Tourismus. In Summe liegt das Ergebnis des ersten Halbjahres 2012 beeindruckende 8,4 Prozent über den (wahrlich nicht schlechten) Vorjahreswerten. Das bedeutet im nämlichen Zeitraum 5,5 Millionen Nächtigungen, die der Wiener Hotellerie in Summe 191,5 Millionen Euro Umsatz bescherten.


2: Norbert Kettner
Das ist der Mann, der zufrieden, aber nicht glücklich ist: Tourismusdirektor Norbert Kettner

Die Zahl 163
Ein ähnlich positives Bild ergibt sich, wenn man die Zahlen aufgeschlüsselt auf die Herkunftsländer betrachtet. Abgesehen von den vier Ländern (Italien, Griechenland, Spanien, Rumänien), aus denen wegen sehr nachvollziehbarer Gründe weniger BesucherInnen nach Wien kamen, sind Zuwächse jene Regel, von der starke Zuwächse die erfreuliche Ausnahme sind. Auch wenn die Steigerungsraten bisweilen beeindruckender sind als die ihnen zugrunde liegenden absoluten Zahlen – Saudi Arabien +163 Prozent, aber „nur“ Platz 33 insgesamt – der positive Trend fußt auf einem breiten Fundament und ist dementsprechend deutlich.
Herausragend sind dabei die so genannten „Heroes“, Zukunfts- und Entwicklungsmärkte, deren Potenzial und Entwicklung reichlich Anlass zur Freude für den „Wien Tourismus“ bietet. Die größten „Heroes“ im ersten Halbjahr 2012 sind, abgesehen von Saudi Arabien, China (+29 Prozent), Brasilien (+40 Prozent) und Israel (+42 Prozent). Aus Japan, Schweiz und den USA gibt es jeweils Zuwachsraten zwischen 10 und 20 Prozent.


3: Naturhistorisches Museum
Der Maria Theresien-Platz, prachtvoll eingerahmt von Kunst- und Naturhistorischem Museum. Wer hier nicht war, war nicht in Wien

Die Zahlen 5 und 94
Es gibt aber auch andere Zahlen, das sind die, die den guten Zahlen entgegenstehen. Da ist zum einen die 5. Die erfreulichen 8,4 Prozent Gesamtsteigerung verteilen sich nämlich auf ein 5 Prozent Mehr an Hotelbetten in Wien. Vor dem Hintergrund der globalen wirtschaftlichen Entwicklung ergibt sich daraus ein verstärkter Preisdruck, der in der Zahl 94 mündet. Waren es vor einem Jahr noch 95 Euro, die pro Gast und Nacht in Wiener Hotels gezahlt wurden, so sind es nun nur noch 94 Euro. Dieser fehlende Euro ist für Tourismusdirektor Kettner Anlass zur Sorge. Sorge nämlich, dass Wien seine Attraktivität unter seinem Wert verkauft: „Nicht jeder Bestwert ist automatisch ein guter Wert. Dieser vorliegende Rekord soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der erzielte Umsatz zu gering ist, wenn man ihn in Relation zum Nächtigungszuwachs setzt. Die im Krisenjahr gesenkten Preise wurden nicht rasch genug wieder hochgebracht und hinken den Nächtigungssteigerungen hinterher. Auch ist die verschärfte Binnenkonkurrenz durch die Erweiterung der Bettenkapazitäten in Wien offensichtlich zu Lasten des Preises gegangen, um die Auslastung zu halten. Es macht mir schon Sorge zu sehen, dass ein sehr deutlich verstärkter Besucherzustrom keine entsprechende Preisdurchsetzung zur Folge hat. Ersteres kann ,Wien Tourismus' beeinflussen, zweiteres liegt allerdings ausschließlich in den Händen der Hoteliers, deren Preisgestaltung eine unternehmerische Entscheidung ist, die jede/r Unternehmer/in selbst zu treffen hat - und das ist auch gut so. Ich hoffe jedenfalls, dass, wenn sich das Gästeaufkommen auch weiterhin so gut entwickelt, auch der unternehmerische Mut bei der Preisdurchsetzung steigt. Wiens Begehrtheit als Destination ist hoch genug dafür."
Ein wenig über 7 Millionen Euro an Marketingbudget stehen nun für das zweite Halbjahr zur Verfügung, um potenziellen Gästen diese Beliebtheit gewärtig zu machen.


4: Spaziergänger im Burggarten
5: Alte Donau
Der Burggarten (l.) und die alte Donau (r.). Wien hat viel und vor allem viel Unterschiedliches zu bieten

Die Zahl 2
Eine weitere, von „Wien-Tourismus“ sehr ungern gesehene Zahl, ist die 2. Das sind die zwei Pisten des Wiener Flughafens. Die seien nämlich angesichts der derzeitigen Entwicklung im Tourismus allgemein, im Besonderen aber in Anbetracht der führenden Rolle, die Wien beim Kongresstourismus hat, eindeutig zu wenig. So ziert man sich seitens „Wien Tourismus“ nicht und fordert expressis verbis die 3. Piste für Wien Schwechat.
Ob es dieses „Nadelöhrproblem“ am Flughafen war, woran die Zuständigen bei „Wien Tourismus“ dachten, als sie den Slogan „Wien – Jetzt oder Nie“ kreierten, wurde leider nicht verraten.  









Link:
www.wien.info

Info:
Verlautbarung des „Wien-Tourismus“ aus aktuellem Anlass: GastronomInnen, die Wasser verrechnen, schädigen Wiens Image.

Die mittlerweile medial auch in Deutschland angekommene Aktion einiger Wiener GastronomInnen, Gäste für Leitungswasser bezahlen zu lassen, ist für Norbert Kettner ein gefährlicher Image-Killer.
„Nachdem die `hirnverbrannte Idee´ – so zu lesen in der Süddeutschen Zeitung am 10. Juli 2012 - in Wiens Gastronomie Geld für Leitungswasser zu verlangen, nunmehr auch über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt, bedarf diese Angelegenheit einer Klarstellung aus touristischer Sicht", so Tourismusdirektor Norbert Kettner. „Wien, das – zumindest bisher – nachweislich weltweit mit seiner Gastfreundschaft punktet, läuft dadurch Gefahr, einen empfindlichen Imageverlust zu erleiden. Als Tourismusdirektor lehne ich daher den Versuch einiger Gastronominnen und Gastronomen, unter dem Vorwand einer Charity-Aktion Serviceleistungen zu reduzieren, dezidiert ab. Damit setzt man den guten Ruf der Destination Wien aufs Spiel und verärgert Gäste. Ein guter Zweck heiligt nicht jedes Mittel."

Kostenfrei serviertes Leitungswasser ist laut Kettner „ein traditioneller Service in Wiens Gastronomie, und zwar", wie er betont, „in Restaurants ebenso wie in Kaffeehäusern. Gerade damit hat sich die ausgezeichnete Wiener Gastronomie nachhaltig gegenüber der Konkurrenz in anderen Destinationen positioniert. Dieses vorteilhafte Differenzierungsmerkmal darf nicht leichtfertig aufgegeben werden." Ausschließlich im Fall einer Bestellung von Wasser als einzigem Getränk sieht er eine Verrechnung als gerechtfertigt an. „Eine Gastronomie von internationalem Rang zeichnet sich auch durch den Verzicht auf kleinliche Gesten aus", meint Kettner abschließend.

hahö