Kainz
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Mimamusch - SchauspielerInnen im Rotlichtmilieu


Das Theaterspektakel "Mimamusch" findet heuer zum dritten Mal im Ragnarhof in Wien - Ottakring statt. wieninternational.at unterhielt sich mit der Produzentin Irene Kainz.

WI: Mimamusch ist Theater, Performance, Musik aber auch Party. Welchem Genre ordnen Sie Mimamusch zu?
Irene Kainz: Mimamusch ist eine Theaterinstallation. Wir nennen es ein "Strategietheater". Diese Bezeichnung haben wir uns extra für Mimamusch ausgedacht, da sich die Form nicht dem gängigen Theaterbild zuordnen lässt. Die DarstellerInnen müssen eine eigene Strategie entwickeln, um ihr Publikum zu bekommen. Das heißt, sie müssen Ihre Kunst verkaufen.

WI: ...wie im echten Leben?
Irene Kainz: Ja, das spiegelt eigentlich nur die Wirklichkeit. Donald Padel (Gesamtidee, Konzept und künstlerischer Leiter) hatte die Idee zu Mimamusch, weil er gesehen hat, dass es viele arbeitslose SchauspielerInnen gibt, die, um zu überleben, die unmöglichsten Jobs annehmen, sich quasi prostituieren. Deshalb ist Mimamusch auch im Rotlichtmilieu angesiedelt. Allerdings arbeiten die SchauspielerInnen hier sozusagen in einem geschützten Rahmen.

WI: Wie läuft ein Mimamusch-Abend ab?
Irene Kainz: Bespielt wird der gesamte Ragnarhof. Im Erdgeschoss befindet sich der Salon, eingerichtet im Stil eines 20er Jahre Varietés, das ist der "Umschlagplatz". Dort läuft den ganzen Abend das Salonprogramm. Es gibt Bands, eine Bar, es wird getanzt und getrunken und der Conférencier René (dargestellt von Irene Kainz, Anm. d. R.) begleitet das Publikum durch den Abend. Er ist Gastgeber, Berater, Vertrauens- und Ansprechperson.
Das Publikum kann aus einem "Menü" verschiedene Vorstellungen auswählen, gleichzeitig bieten sich die DarstellerInnen an. Sie werben um ihr Publikum, das - einzeln oder in kleineren Gruppen - mit der/dem ausgewählten Darbieter/in in einem Séparée verschwindet, um dort das Stück zu erleben.


schauspielerin
akrobatin
padel und sängerin


WI: Im Programm scheinen mehrere AutorInnen auf. Gibt es ein "Gesamtstück" bzw. muss man alle einzelnen Darbietungen gesehen haben, um das "Gesamte" zu verstehen?
Irene Kainz: Bei den letzten beiden Aufführungen haben sich die DarstellerInnen ihre Beiträge weitgehend selbst erarbeitet. Diesmal sind wir erstmals an AutorInnen herangetreten, die zum Motto "Arm und Reich" kleine Stücke im Ausmaß von je ca. 20 Minuten geschrieben haben. Die Stücke sind allesamt Uraufführungen, die sich an die Bedingungen von Mimamusch anpassen. Das ganze ist zwar kein Puzzle - jede Darbietung steht für sich. Aber wenn man sich alles anschaut, sieht man die unterschiedlichen Positionen der AutorInnen zum Thema "Arm & Reich".

WI: Rund 30 SchauspielerInnen machen diesmal mit. Wie habt ihr die ausgewählt?
Irene Kainz: Über eine Aussendung haben sich SchauspielerInnen bei uns gemeldet bzw. waren manche DarstellerInnen auch in den letzten Jahren schon dabei. Nachdem die AutorInnen uns Ihre Stücke vorgelegt haben, haben wir versucht, die SchauspielerInnen mit den zu Ihnen passenden Stücken zusammenzuführen, wobei sich das Team bald herauskristallisiert hat.
Großteils sind die SchauspielerInnen Profis, bei der Auswahl haben wir aber nicht vordergründig auf berufliche Erfahrung geachtet, sondern darauf, wer gut zu wem passt.

WI: Wie finanziert sich Mimamusch?
Irene Kainz: Wir verlangen zwar einen kleinen Eintrittspreis für den Abend, damit finanzieren wir aber nur einen geringen Teil der Kosten. Die ganze organisatorische Arbeit machen wir unentgeltlich. Den AutorInnen und DarstellerInnen können wir leider keine Gagen zahlen. Aber Ihre abendlichen Einnahmen gehören zur Gänze Ihnen. Wie viel sie verdienen, hängt von Ihrem Verhandlungsgeschick ab. Wenn sich ein Gast für eine Darbietung interessiert, kommt es zwischen ihm und den jeweiligen Darstellern zum "Verkaufgespräch". Der Preis regelt sich bis zu einem gewissen Grad über Angebot & Nachfrage, vor allem aber über persönliche Sympathien. Da die Séparée-Situation sehr intim ist, ist es für die DarstellerInnen auch eine sehr anstrengende Form des Spielens - da ist es wichtig, dass die Sympathie stimmt. Die DarstellerInnen haben natürlich auch das Recht, Angebote bzw. ZuschauerInnen abzulehnen.


schauspieler
conférencier


WI: Gibt es einen ungefähren Richtwert für das Publikum, wie viel eine Darbietung kostet?
Irene Kainz: Nein, der Verhandlungsspielraum ist völlig offen. Eine Gegenleistung vonseiten des Gastes muss auch nicht unbedingt monetärer Art sein. Es könnte auch etwas anderes sein, je nachdem, was individuell verhandelt wird. Auch hier spiegelt sich das Thema "Arm & Reich" wieder. Ihre Einnahmen teilen die DarstellerInnen mit den AutorInnen, wobei es dafür von uns keine Richtlinien gibt. Insgesamt ist Mimamusch derzeit ein low budget-Projekt, hinter dem viel Idealismus steckt.

WI: Plant ihr weitere Fortsetzungen?
Irene Kainz: Wir möchten gerne weitermachen. Spannend wäre es vor allem, auch in andere Städte oder Länder zu gehen. Vielleicht mit einem kleinen eingespielten Team, das vor Ort noch zusätzliche DarstellerInnen sucht. Aber wie das genau funktionieren könnte, dazu müssen wir uns noch Gedanken machen.


Info:
Mimamusch: Sprechtheater, Performance, Tanz, Musik, Akrobatik, bildende Kunst
Eintritt: € 4
3., 4., 10. & 11. Oktober 2008, 21.00 Uhr
Ragnarhof, Grundsteingasse 12, 1160 Wien
www.mimamusch.at

an den Spielabenden ist im 1. Stock ein Restaurant eingerichtet (21.00 - 24.00 Uhr)


Tipp:
grundstein
26. September - 11. Oktober 2008
1160 Wien
Ausstellungen, Projektionen, Installationen, Musik, Theater & Performances in den Galerien, Ateliers und Lokalen rund um die Grundsteingasse
www.grundstein.at


Karte:
Ragnarhof




(hr)
erstellt am: 2008-10-01