Ausstellungsraum
Abtreibung Zeitung

Verhütung zwischen Verzweiflung und Fantasie


Außergewöhnliche Museen verlangen außergewöhnlich spannende Themen. Damit kann das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch dienen: Details über die angstbesetzte Zeit vor Entwicklung der Pille, eigenwillige Verhütungs- und schreckliche Abtreibungsmethoden lassen selbst aufgeklärt Geglaubte aufhorchen. 

Der Gynäkologe DDr. Christian Fiala will mit seinem weltweit einzigen Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch BesucherInnen über die heutigen Möglichkeiten der Verhütung informieren. Gleichzeitig wird das Kapitel der Gynäkologie dokumentiert, als Verhütung noch unerforscht und angstbesetzt war und Abtreibung nur illegal und unter lebensgefährlichem Risiko durchgeführt wurde. Seit 1930 weiß man dank der Entdeckung von Hermann Knaus und Kyusaku Ogino von der Existenz der fruchtbaren Tage und des Eisprungs der Frau. Dadurch wurde die Entwicklung moderner Verhütungsmittel überhaupt erst möglich. Eine Rückschau im Museum verdeutlicht die Verzweiflung und gleichzeitig die Fantasie, mit der die Menschen immer schon versucht haben, ihre Fruchtbarkeit zu steuern.
 
Von Scheidenspülapparaten und Schafsdarmkondomen...
Um starken Familienzuwachs zu vermeiden, riet man um 1900 den Menschen zur sexuellen Abstinenz, zum Coitus Interruptus und sogar zur Homosexualität. Nachdem das „Herausschleudern des Samens sofort nach dem Akte“ (19. Jh.) sich als nicht zuverlässig erwiesen hatte und die ersten Spiralen (Pessare genannt) außer einer entzündenden kaum Wirkung gezeigt hatten, waren auch Scheidenspülungen mit Essig oder verdünnter Zitronensäure eher unsichere Verhütungsmethoden. Casanovas Frauen sollen im 18. Jahrhundert sogar halbierte ausgepresste Zitronen über den Muttermund gestülpt haben. Erst Kondome erwiesen sich als relativ erfolgreich. Bis vor 100 Jahren wurden sie aus den (Schwimm-)Blasen von Fischen oder dem Blinddarm von Schafen hergestellt. Eine Schleife bewahrte die unelastischen Verhüterlis vor dem Abrutschen, was sicheren, aber wohl eher weniger gefühlsechten Sex zuließ. Erst langsam setzte sich Latex, die Milch des Gummibaumes, zur Herstellung von Kondomen durch.


Verhütungsmethode (Säure)
Spülung
Kondom aus Darm oder Blase

 
Gefürchtete Diagnose vieler Frauen: Schwanger
Was wir heute noch aus anderen Kontinenten wie Afrika kennen, war Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Europa gang und gäbe: Abtreibungen waren gesetzlich verboten und bei so genannten „Engelmacherinnen“ mit so hohem Risiko verbunden, dass es oft sicherer war, das Kind nach der Geburt umzubringen. In einer Museumsecke ist der Arbeitsraum einer Engelmacherin nachgestellt: Ein Küchentisch mit einer Stricknadel in der Lade. Daneben belegen alte Dokumente Schicksale von Kindsmörderinnen, Frauen, die wegen einer Abtreibung zur Folter verurteilt wurden und andere schlimme Geschichten. Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Abtreibungsmethoden entwickelt, die sicher und wirksam sind. Heute hat die große Mehrzahl der europäischen Länder zum Teil seit über 25 Jahren eine Fristenregelung. Das heißt, Frau darf innerhalb einer gewissen Frist auf eigenen Wunsch eine Abtreibung durchführen lassen.


Engelmacherin Kulisse
Bücher

 
Die Pille, die die Welt veränderte
Schließlich gelang es Gregory Pincus gemeinsam mit dem gebürtigen Wiener Carl Djerassi, die Sexualität zu revolutionieren: Als Grundlage für die Anti-Baby-Pille ermöglichten sie die Synthetisierung des Schwangerschaftshormons Gestagen. Der in die USA emigrierte Djerassi ist seit kurzem wieder auf der Suche nach einer Wohnung in Wien.

1957 wurde die Pille „Enovid“ mit einer hohen Menge an Östrogen als Mittel gegen menstruelle Beschwerden und zur Förderung der regelmäßigen Abbruchsblutung in den USA zugelassen. 1961 kam die vielversprechende Pille „Anoviar“ („kein Eisprung“) auf den deutschsprachigen Markt. Sie enthielt die doppelte Menge Östrogen von heutigen Pillen. In den ersten Jahren wurde die Pille nur an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern abgegeben. Sex vor der Ehe galt immer noch als Tabu. Unter dem Deckmantel eines Mittels zur Behebung von Menstruationsstörungen, das als  Nebenwirkung die Unfruchtbarkeit zur Folge hatte, setzte sie sich schließlich durch. Trotz vehementer Kritik der Kirche ist die Pille mit weltweit 60 bis 80 Millionen regelmäßigen Anwenderinnen heute das meistgenommene Präparat zur Empfängnisverhütung.


pille
Eros plakat


Das Verhütungsmuseum erzählt mittels Filmen, Statistiken und alten Zeitungsausschnitten noch viel mehr interessante Geschichten rund um die grundlegendste Sache der Menschheit. Über die Zukunft der Verhütung sei an dieser Stelle nur soviel gesagt: Sie liegt zwischen Nasenspray und Dreimonats-Pille, und bleibt wie gehabt meistens an der Frau hängen.



Info:
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
15., Mariahilfer Gürtel 37/1. Stock
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr
info@muvs.org
www.muvs.at







(ene)
erstellt am: 2008-12-03