Lorenz mit Gänsen
Konrad Lorenz

Konrad Lorenz: 20. Todestag des „Vaters der Graugänse“


Auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod bewegt Konrad Lorenz (1903-1989), Mitbegründer der vergleichenden Verhaltensforschung, Nobelpreisträger und Leitfigur der Ökologiebewegung in Österreich, mit seinen bis heute heftig umstrittenen Thesen. Lorenz lehrte, der Mensch sei erblich so begrenzt, dass er sich auszurotten drohe.

Karrierestart im Nationalsozialismus
Anfänglich in Wien abgelehnt, unter anderem wegen seiner Neigung, alles als angeboren zu erklären, schaffte Konrad Lorenz nach mehreren Anläufen seinen Karrierestart im Nationalsozialismus.

Konrad Lorenz war ein wortgewaltiger, bärtiger, streitbarer Forscher, ein begnadeter, packender Erzähler, legendärer Natur-Detektiv und leidenschaftlicher Beobachter. Seinen Ruf als einer der bedeutendsten Biologen der jüngsten Vergangenheit hat er sich durch Beobachtung, Beschreibung, Einfühlung und Vergleich, aber praktisch ohne ausgeklügelte experimentelle Studien erarbeitet, was ihm immer wieder angekreidet wurde. Der „Spiegel“ bezeichnete ihn einmal als den „Einstein der Tierseele“, dem selbst Kritiker geniales Einstein-Format nicht absprechen würden. Von keinem Naturforscher des 20. Jahrhunderts habe die Menschheit so Einschneidendes über Tiere und das Tierähnliche in sich erfahren wie von ihm.

Nähe zu NS-Rassentheorien
Umstritten ist Konrad Lorenz auch noch 20 Jahre nach seinem Tod vor allem durch Thesen geblieben, die ihn laut seiner Kritiker, wie seines Schülers und ehemals engen Mitarbeiters Norbert Bischof, in die Nähe von NS-Rassentheorien rücken würden. So habe Lorenz etwa asoziales Verhalten als typisches Merkmal eines genetischen Verfalls und als irreparables Erbübel interpretiert, warf der Züricher Biologe und Psychologe Norbert Bischof Konrad Lorenz nach dessen Tod vor. Werte schienen Lorenz genetisch vorbestimmt. Ihn habe es offenbar gedrängt, die Menschen in "vollwertige" oder "minderwertige" einzuteilen. Da habe sich "ein Grundmuster faschistischer Menschenverachtung" abgezeichnet, so Bischof.

Lorenz selbst hat sich bereits in den 30er Jahren mit tierischen Instinkten beschäftigt und damit den Grundstein für die vergleichende Verhaltensforschung gelegt. Aus der Sicht der Evolutionslehre hielt er das Verhalten von Menschen und Tieren primär als angeboren. Bereits in Königsberg suchte er an der Universität des großen Denkers Immanuel Kant nach einer biologischen Erklärung für menschliche Erkenntnis. In seinem Werk „Die Rückseite des Spiegels“ entwickelt er eine evolutionäre Erkenntnistheorie, die Lehre vom erblich beschränkten Menschenverstand. Demnach sei die Erkenntnisfähigkeit des Menschen von Natur aus begrenzt. In seinem Schlüsselwerk über Aggression bei Mensch und Tier (Das sogenannte Böse) demontierte er das herrschende Selbstverständnis über Kulturmenschen mit dem Befund: Der menschliche Geist sei nicht frei, sondern an ein ererbtes Instinkt-Programm gekettet. Alles Sinnen und Trachten des Menschen wäre instinktgebunden wie das Verhalten von Steinzeitmenschen. „Wir werden von Steinzeitmenschen regiert“, sagte er dem SPIEGEL 1988, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Interview, und wir müssten uns damit abfinden. Resümee des SPIEGEL: „Der Mensch zu dumm fürs Überleben?“

Mit dieser Erkenntnis habe er aber nicht, wie einst der Begründer der modernen Evolutionsbiologie, Charles Darwin, das Gefühl, „ein Mörder zu sein“, sondern wolle lediglich eine blind dahinrasende Masse am Selbstmord hindern. Der Mensch und sein Verstand seien erblich biologisch beschränkt, wenn auch anpassungsfähig und zu erstaunlichen geistigen Leistungen fähig. Aber der Erkenntnisapparat des Menschen sei nur gebaut, „um in Bäumen zu leben“. Der Mensch habe angeborene Scheuklappen. Er sei unfähig, Wahrheiten zu erkennen, wo er keine gegenteiligen, angeborenen Programmierungen habe. Seinen angeborenen Trieben fehle eine biologische Hemmschwelle. An seiner Triebausstattung habe sich seit der jüngeren Steinzeit nichts geändert. Der Verfall unserer Kultur sei evident und krankhaft. Der Mensch sei im Begriff, sich selbst zu vernichten. Die Einsicht in die eigene Begrenztheit sei Voraussetzung für sein Weiterleben.


Lorenz und Tinbergen
Spiegel


Selbstvorwürfe am Lebensende
Er sehe sich damit aber weder als Fatalist noch als Kultur-Pessimist, sagte Lorenz dem SPIEGEL. Und selbstkritisch: Mit den ganz Armen habe er anfangs als Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie „wenig Mitleid gehabt“. Er habe sich „auch vor aller Politik gedrückt“. Auch vor einer Auseinandersetzung mit den Nazis habe er sich „in sehr verächtlicher Weise gedrückt“. Darüber habe er sich selber Vorwürfe gemacht. Andererseits: Hätte er sich „frühzeitig“ seiner „politischen Pflichten erinnert“, hätte er viele Dinge, für die er den Nobelpreis bekommen habe, „nie geschaffen“. Sein Nachfolger am Wilhelminenberg in Wien, Hans Winkler, schrieb 2001, Konrad Lorenz sei "eitel, opportunistisch, kämpferisch und feige" gewesen.

Lebenslauf
Konrad Zacharias Lorenz kam am 7. November 1903 in Altenberg im Tullnerfeld bei Wien als spätgeborener Sohn des damals bereits weltbekannten Wiener Orthopäden Adolf Lorenz zur Welt. Besuchte das Schottengymnasium in Wien, studierte auf Wunsch des Vaters kurzfristig in New York und dann in Wien Medizin, wurde 1928 Doktor der Medizin. 1933 schloss er sein Studium der Zoologie ab. 1936 habilitierte er sich und wurde 1937 Privatdozent für vergleichende Anatomie und Tierpsychologie an der Universität Wien.

1940 wurde er Professor für vergleichende Psychologie an der Universität Königsberg. Ein Jahr später wurde er zur Wehrmacht eingezogen, 1942 ins besetzte Polen versetzt, wo er in einem Lazarett in Posen an einer Rassen-Studie mitarbeitete, kam 1944 an die Front in die Sowjetunion, geriet in russische Kriegsgefangenschaft und wurde erst 1948 nach Österreich entlassen. 1949 begründete er in Altenberg bei Wien das „Institut für vergleichende Verhaltensforschung“. Seit 1950 richtete die Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland für ihn mehrere Forschungsstellen ein, darunter ab 1955 in Seewiesen bei Starnberg, wo er 1961-1973 Direktor des Instituts für Verhaltensphysiologie war. 1973 wurde er Leiter der Abteilung für Tiersoziologie am Institut für vergleichende Verhaltensforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Wilhelminenberg in Wien. Im selben Jahr wurde ihm zusammen mit seinem Freund und Forschungskollegen Nikolaas Tinbergen, einem holländischen Widerstandskämpfer, und Karl Ritter von Frisch, dem Entdecker der Bienensprache, gemeinsam der Nobelpreis für Medizin und Physiologie verliehen. Ende der 70er Jahre wurde Konrad Lorenz zur Leitfigur der Ökologiebewegung in Österreich, besonders bei der Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf und gegen den Bau eines Wasserkraftwerks im Landschaftsschutzgebiet der Hainburger Auen östlich von Wien. Am 27. Februar 1989 starb Lorenz in Altenberg im Alter von 85 Jahren an Nierenversagen.


Lorenz und Gänse
Graugans


Hauptwerke
Konrad Lorenz veröffentlichte zahlreiche Werke. Zu den bedeutendsten zählen: Der Kumpan in der Umwelt des Vogels (1935), Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung (1943), Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen (1949), So kam der Mensch auf den Hund (1950), Das sogenannte Böse (1963), Über tierisches und menschliches Verhalten (1965), Die Rückseite des Spiegels (1973), Vergleichende Verhaltensforschung (1978) und Der Abbau des Menschlichen (1983).



(fhe)
erstellt am: 2009-02-18