Leisch und Selimovic

Von Gangsterinnen, Randgruppen und sozialer Ungerechtigkeit


Die Theatermacherinnen Tina Leisch und Sandra Selimović gehen an Orte, die viele nicht mit Theater in Verbindung bringen würden. Doch gerade da fängt für die beiden Aktivistinnen politisch engagiertes Theater erst an. Im Gespräch mit wieninternational.at verrieten sie, wie es ist, einen Film im Gefängnis zu drehen, mit welchen Problemen MigrantInnen zu kämpfen haben und wieso Frauen im Knast auch schön sein dürfen.

wieninternational: Ist Theater für Sie etwas, das überall stattfinden kann und sogar soll?
Tina Leisch: Ich finde, dass es nur Sinn hat, Theater zu machen, wenn man die Leute an einen Ort bringt, der auch eine Bedeutung hat. Die einzige Bedeutung des Burgtheaters ist die Bedeutung. Das ist ein Ort, der dem, was dort gespielt wird einen Heiligenschein verpasst. Ich benötige diese Weihe des heiligen Ortes nicht. Ich begebe mich lieber an Plätze, die als soziale Räume interessant sind. Insbesondere erarbeite ich gerne Stücke mit Menschen, die selber in gesellschaftlichen Konfliktzonen stehen und daher ExpertInnen für dramatische Konflikte sind.


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wieninternational: Glauben Sie, dass man in Wien zu sehr auf seine „große“ Theatertradition bedacht ist, als dass man sich verstärkt bemüht, neuen Formen Vorschub zu leisten?
Tina Leisch: Ich finde, dass ästhetisch neue Formen durchaus gefördert werden. Wenn man schaut, was im Schauspielhaus, im Kasino am Schwarzenbergplatz oder auf diversen Off-Bühnen der Stadt läuft. Aber das sind neue Formen für das gleiche alte Publikum mit Matura und Hochschulabschluss. Politisch neue Formen des Theaters gibt es kaum: Für die armen Leute der Fußballplatz und für die gebildeten Schichten das Theater.
Sandra Selimović: Ein großes Problem ist sicherlich, dass, wenn man ein Stück für Förderungen einreicht und schreibt, und mit LaienschauspielerInnen arbeiten möchte, das als nicht professionelles Theater gilt. Es gibt darum oft keine adäquate Förderung. Das fällt unter Sozial-Projekt und somit in einen anderen Topf.
Tina Leisch: Obwohl man schon sagen muss, dass die Stadt Wien eine rühmliche Ausnahme ist. Die KuratorInnen der Theaterreform haben uns sehr gefördert, eben weil wir interkulturelle Projekte machen. Davon gibt es nicht so viele. Was eigentlich unvorstellbar ist. Immerhin haben 40 Prozent der jungen Leute, die hier leben, einen Migrationshintergrund.
Sandra Selimović: Man traut den Leuten mit Migrationshintergrund eben vieles erst gar nicht zu. Das beginnt in den Hauptschulen. Wenn ich die SchülerInnen frage, wie oft sie ins Theater gehen, lautet die Antwort: einmal bis nie. Im Gymnasium gehen sie ständig, das ist das Theaterpublikum von morgen. Das Interesse ist nicht vorhanden, auch weil die Jugendlichen in den Hauptschulen nicht dazu motiviert werden. Bei unserem Film „Gangster Girls“ haben einige HauptschullehrerInnen Bedenken gehabt, ob die SchülerInnen den Film richtig verstehen. Die GymnasiallehrerInnen, mit denen ich gesprochen habe, wären nicht einmal auf die Idee gekommen, dass ihre SchülerInnen irgendetwas falsch verstehen könnten.


Filmstill aus Gangster Girls


Tina Leisch: Das kann man auch sehr gut im Rahmen des Theaterprojekts in Horn beobachten, das wir gerade zusammen mit SchülerInnen aus Hauptschule, Polytechnischem Lehrgang und Gymnasium erarbeiten. Da wurde uns zu Beginn klar gesagt, wir sollen ins Gymnasium gehen. Was total absurd ist, weil das Thema „Gewalt an der Schule“ heißt. Ein Problem, das mit Sicherheit mehr die Kids an den Hauptschulen und an den Polytechnischen Lehrgängen betrifft.

wieninternational: War es schwierig, das Theater-Projekt „Medea bloß zum Trotz“ im Gefängnis zu realisieren?
Tina Leisch: Wir hatten bereits 2004 mit einem Gefängnistheaterprojekt begonnen. Damals war es sehr wohl schwierig, ein Gefängnis zu finden, das uns wollte. Nur die Justizanstalt Gerasdorf öffnete uns die Tür. Bei dem zweiten Projekt „Medea bloß zum Trotz“ in der Justizanstalt Schwarzau war es einfach.
Sandra Selimović: Weil der Anstaltsleiter, Brigadier Neuberger, uns eingeladen hat, dort zu arbeiten.
Tina Leisch: Die kannten das Projekt und waren vom Ergebnis sehr angetan. Auch die Genehmigung für die Dreharbeiten für den Film zu bekommen war im Endeffekt nicht schwer.

wieninternational: Ist der Film „Gangster Girls“ parallel zu den Proben zum Theaterstück entstanden?
Tina Leisch: Die Idee am Anfang war, einen Film zu machen, der unsere Theaterarbeit porträtiert. Allerdings haben wir schnell erkannt, dass man da weiter ausholen muss. Weil man so wenig über Gefängnisse weiß - schon gar nicht über dieses einzige Frauengefängnis in Österreich. Also haben wir beschlossen: wir müssen einen Film machen, der das Theater nur als Mittel benützt, dieses Gefängnis zu porträtieren.


Filmstill aus Gangster Girls


wieninternational: Die Frauen in Ihrem Film sind schön anzusehen - im Gegensatz zu manch üblicher Sozialdoku. War es Ihnen wichtig, diesen oft abstoßenden Bildern ein schönes entgegenzusetzen?
Tina Leisch: Zunächst einmal dürfen diese Frauen nicht kenntlich sein. Das heißt wir mussten uns etwas einfallen lassen, damit die Leute zwar unkenntlich sind, aber man trotzdem ihre Mimik erkennen kann. Also haben wir uns - auch wegen des Medea-Stoffes - an klassischen Theatermasken orientiert, wo man ein Gesicht so anmalt, dass die Maske die Mimik verstärkt und nicht abschwächt. Ich habe aber natürlich sehr wohl von Anfang an gewusst, dass ich keinen Film mit Schmuddeleffekt machen möchte. Bei vielen Sozialdokus sieht man schon an der Art des Settings, wie das Licht und die Kamera eingesetzt werden, dass es sich um arme Leute in einem erbärmlichen Milieu handelt. Da reicht es schon, wenn man mit der Kamera auf die Pinnwand schwenkt, wo Fotos von der Familie oder vom letzten Liebhaber hängen und irgendwo sitzt dann vielleicht noch ein einsamer Plüschteddybär in der Ecke. Eine solche Stigmatisierung per Bildästhetik wollten wir nicht. Im Gegenteil: Die Bildästhetik soll die Frauen dort abholen, wo die Verbrecherinnen medial auch sind, bei Kill Bill, bei den coolen Leinwandheldinnen oder eben bei Medea. Wir zeigen sie als tragische Heldinnen ihrer eigenen Lebensgeschichte und nicht als Armutschgerln, mit denen man Mitleid haben muss.


Filmstill aus Gangster Girls


wieninternational: Robert Sommer hat in der Straßenzeitung Augustin darauf hingewiesen, dass das Talent der einzelnen Gefangenen zu entdecken, eine adäquate Resozialisierung wäre. Glauben Sie, dass viele Leute das nicht wollen, weil ihnen sonst das Bild vom bösen Sündenbock abhanden kommt, den unsere Gesellschaft benötigt?
Tina Leisch: Menschen im Gefängnis können genauso viel oder wenig wie die Menschen „draußen“, nur setzen sie ihre Talente oft falsch ein. Es geht uns bei unserer Theaterarbeit auch darum, die Leute aus gewissen Denkweisen herauszuholen. Wir lehnen es jedoch ab zu sagen, wir machen Theater-Therapie. Genau diese Kränkung, den Leuten immer zu sagen du hast ein Problem, du kannst nichts, du machst alles falsch, diese Art von schwarzer Pädagogik, die das Gefängnis sowieso schon verkörpert, wollen wir nicht unterstützen. Vielmehr geht es darum, dem eine weiße Pädagogik entgegen zu setzen und zu sagen: du kannst was, du bist wer, mach etwas,  womit du anderen Leuten Vergnügen bereitest.

wieninternational: Nur fünf Prozent der Gefangenen in Österreich sind weiblich. Glauben Sie, dass Frauen, die aus dem Gefängnis entlassen werden, im Unterschied zu Männern eine doppelte Verurteilung von der Gesellschaft erfahren?
Tina Leisch: Da gibt es schon einen entscheidenden Unterschied. Es ist auch heute noch so, dass die Frauen mehr für den sozialen Zusammenhalt sorgen. Eine Frau fehlt im sozialen Gefüge unserer Gesellschaft sicherlich mehr als ein Mann. Da kommt dann zum Stigma, im Häfen gewesen zu sein, noch der Vorwurf – auch der Selbstvorwurf – eine Rabenmutter zu sein.
Sandra Selimović: Ein großes Dilemma der Frauen ist es auch, dass, wenn ihre Kinder ins Heim gekommen sind, sie nach der Entlassung im Nachhinein die Kosten dafür tragen müssen. Außerdem bekommen sie die Kinder nur zurück, wenn sie spezielle Kriterien wie eine gewisse Größe der Wohnung oder einen gewissen Verdienst im Job erfüllen. Um schneller an Geld zu kommen, um ihre Kinder zurückzubekommen, werden sie so oftmals rückfällig.
Tina Leisch: Viele der Frauen haben natürlich auch ein Drogenproblem. Mit der Zeit werden die Strafen dann auch immer härter. Viele kommen aus gewalttätigen, zerrütteten Familien und ihr größtes Glückserlebnis war ein Drogenrausch. So etwas prägt nachhaltig. Im Gefängnis kommt man zudem leicht an Drogen. Das ist auch eines der Hauptprobleme des Gefängnisses, dass man dort mit Menschen in Berührung kommt, die unter Umständen noch größere Probleme haben, als man selbst. Ein Teufelskreis, aus dem es schwer ist auszubrechen.
Sandra Selimović: Das ist im Übrigen auch ein Problem der Integrationspolitik. Ich frage mich, was man sich erwartet, wenn man alle MigrantInnen in Hauptschulen steckt. Sollen sie sich etwa gegenseitig Deutsch beibringen? Im Anschluss wundert man sich, wenn so etwas wie eine Ghettoisierung entsteht.





Zu den Personen:
Tina Leisch arbeitet als Film-, Text- und Theaterarbeiterin. Im Jahr 2002 erhielt sie für George Taboris „Mein Kampf“, das sie im Männerwohnheim Meldemannstraße – wo auch Adolf Hitler einst wohnte – inszenierte, den Nestroytheaterpreis. Es folgten Arbeiten wie „Irrgelichter im Spiegelgrund“ im Sozialmedizinischen Zentrum Baumgartner Höhe – ein Stück über die Geschichte der Patientenmorde in der NS-Zeit - „Stecken, Stab und Stangl“ von Elfriede Jelinek im ehemaligen jüdischen Theater Nestroyhof oder „Date your Destiny“ mit den männlichen Insassen der Justizanstalt Gerasdorf.

Sandra Selimović arbeitet als freie Schauspielerin. Als Romni setzt sie sich sowohl für die Gleichberechtigung der Frauen in der Roma-Community ein, als auch gegen antiziganistische Diskriminierung. Sie war u.a. als Co-Regisseurin für Tina Leisch bei den Stücken „Medea bloß zum Trotz“ und „Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon“ tätig.



Info:
Gangster Girls
Ein Dokumentarfilm aus dem Frauengefängnis Schwarzau
Regie & Konzept: TINA LEISCH
Konzept & Produktion: URSULA WOLSCHLAGER
Kamera: GERALD KERKLETZ
Schnitt: KARINA RESSLER
Musik: EVA JANTSCHITSCH
Regieassistenz & Choreographie: SANDRA SELIMOVIĆ
Ton: KLAUS KELLERMANN

www.gangstergirls.at



Info:
Stadtkino Wien : 18h, 19:30h, 21h
Schwarzenbergplatz 7-8
1030 Wien
Telefon: (01) 712 62 76
www.stadtkinowien.at

UCI Millenniumcity: 17:30h, 18h



Diskussionsveranstaltung:
10. 4. KASFREI* NICHT NUR AM KASFREITAG
Ein Beitrag des „Augustin“ zur gefängnislosen Gesellschaft
mit Maren Rahmann (Schauspielerin), Ernst Walter Stummer (Delinquent), Ilja Trojanow (Schriftsteller), Robert Sommer (Augustin-Redakteur)
*) Kas ist ein Begriff aus der Häfensprache, leitet sich von „Kaiserlicher Arrestschließer“ her
Stadtkino am Schwarzenbergplatz
Freitag, 10. 4. 2009, Filmvorführung: 19:30 Uhr, Diskussion ab circa 21:00 Uhr






Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews: Roma-Theater im Gemeindebau
(sasch)
erstellt am: 2009-04-08