Foto mit Lomo LC-A+

25 Jahre Lomographie: Eine Sowjet-Kamera erobert die Welt von Wien aus


Am 19. Juni 1984 ging eine günstige, handliche, automatische Fotokamera in St. Petersburg in die Massenproduktion. Die Lomo Compact Automat (Lomo LC-A) wurde – vor 25 Jahren für die kommunistische Welt produziert – Anfang der 90er Jahre von österreichischen StudentInnen entdeckt und begeistert mittlerweile weltweit eine Million Anhänger.

Von außen wirkt sie unscheinbar und doch durch ihr geradliniges Design schon wieder ziemlich cool. Die Lomo LC-A ist als Klassiker der LOMO („Leningradskoje Optiko Mechanitschéskoje Objedinjénie“ – Leningrader Optisch-Mechanische Gesellschaft) ursprünglich der japanischen Cosina CX-2 nachgebaut worden und feiert 2009 ihren 25. Geburtstag. 1991, als ein paar österreichische StudentInnen die Kamera in einem Prager Shop entdeckten, war sie in der westlichen Welt noch weitgehend unbekannt. Das Herz der Lomo LC-A – die russische Minitar 1 Linse – und die Ergebnisse, die diese 32 mm Linse hervorbrachte, haben auch die Herzen der StudentInnen höher schlagen lassen.


Foto mit Lomo LC-A+
Foto mit Lomo LC-A+


Nicht denken, sondern „schießen“
Ob bei Tag oder Nacht, die Schnappschüsse der Lomo LC-A sind bunt, oft verzerrt und liefern sogar unscharf ein gutes Bild. Die Lomographie bricht mit allen Regeln der Fotografie. Der Blick durch den Sucher erübrigt sich beim Wunsch, möglichst spontane Momentaufnahmen zu machen. „Einfach aus der Hüfte schießen“, wie eine der zehn Goldenen Regeln der Lomographie besagt. Die immer billiger gewordenen Foto-Entwicklungspreise begünstigten den Knips-Eifer der Lomo-EntdeckerInnen. Diese experimentelle Kunstfotografie sollte von da an das Leben der österreichischen StudentInnen bestimmen und gehörig auf den Kopf stellen.

Im Bann der Sowjet-Kamera
Schon ein Jahr nach der Entdeckung der analogen Automatik-Kamera gründeten die heutigen World Lomo Presidents Matthias Fiegl, Wolfgang Stranzinger und Sally Bibawy mit einigen MitbewohnerInnen ihrer Wiener Wohngemeinschaft die Lomographische Gesellschaft in Wien. Um das Interesse ihrer ebenso in den Bann der Lomo LC-A gezogenen Freunde zu stillen, unternahmen die jungen ÖsterreicherInnen wagemutige Schmuggeltrips mit Taschen voll mit Lomo-Kameras von Moskau und österreichischen Nachbarländern zurück nach Wien. Natürlich darf ein Beweis-Lomo-Schnappschuss zweier leidenschaftlicher Lomographen mit vollen Taschen an einer Zugstation in Moskau nicht fehlen. „Das ist legendär: Matthias Fiegl und Wolfgang Stranzinger mit hunderten Lomo LC-As in den Taschen“, deutet der Firmensprecher der Lomographischen Gesellschaft Florian Moritz auf ein Foto.

Berauscht von LomoWalls
Bei der ersten Lomo-Ausstellung in Wien im LomoDepot 1992 wurden 700 gerade erworbene Lomo LC-As in Kombination mit lebenslanger Mitgliedschaft bei der Lomographischen Gesellschaft verkauft. Eigentlich nur aus Platzmangel wurde damals die ultimative Ausstellungsform der lomographischen Arbeiten erfunden: Die LomoWall platziert gleich große Bilder direkt neben-, unter-, und übereinander, sodass eine Art zweiseitige Fotowand entsteht, die auch mitten im Raum stehen kann. „Die Menge der Bilder ist immer wieder überwältigend“, erklärt Moritz. Momentaufnahmen wie sie lebendiger, spontaner und bunter kaum sein könnten, sind später auf diesen LomoWalls Seite an Seite mit tausenden ihresgleichen auf spektakulären Ausstellungen um die Welt gegangen.


Fiegel und Sterzinger
Foto mit Lomo Lubitel 166+


Made in Russia – bis 2005
Schließlich schlossen die jungen LomographInnen 1995 einen Vertrag mit der St. Petersburger Produktionsfirma Lomo PLC ab, der die Lomographische Gesellschaft zum exklusiven internationalen Vertriebspartner der Lomo LC-A machte. International deshalb, weil man mit Berlin die erste von vielen Lomo-Botschaften gründete, die – weltweit verteilt – die Aufgabe haben sollten, der Lomo Community einen Ort zum Austausch und zum Einkauf der Lomo-Kameras und Accessoires zu bieten. Darüber hinaus entstand bereits in den 90er Jahren über  www.lomography.com eine der ersten Online-Communities. Mittlerweile werden hier täglich unzählige Bilder hochgeladen. Alles in allem eine unendliche Dokumentation des Planeten Erde. 

Während die Lomographische Gesellschaft mit ihrem Headquarter in Wien immer mehr Menschen von der kleinen Kamera überzeugen konnte, war die Produktion in Russland immer wieder in Gefahr. Zahlreiche Verhandlungen führten die jungen Wiener LomographInnen unzählige Male nach Russland, wo sie einmal Wladimir Putin als damaligem Vizebürgermeister St. Petersburgs gegenüber saßen. Schließlich konnte man die Zusammenarbeit mit Russland zehn Jahre lang aufrechterhalten, bis die Lomo PLC 2005 auf die Verlängerung der Produktion mit einem klaren „Njet“ antwortete.


Lomo Supersampler


Die Zukunft ist analog
Bevor man nach längerer Suche einen Vertrag mit der chinesischen Firma „Chinese Colibri Manufacturers“ zur weiteren Herstellung der Lomo LC-A unterzeichnete, sollte eine Online-Befragung im April 2005 Wünsche an das Nachfolgemodell erläutern. Kaum vorstellbar im heutigen digitalen Zeitalter und dennoch eindeutig war das Ergebnis auf die Frage „Soll die neue LC-A analog bleiben oder digital werden?“ 68,2 Prozent der Befragten wollten weiterhin analog fotografieren. Florian Moritz erklärt sich das so: „Das Ergebnis der Analog-Fotografie wirkt authentischer. Außerdem erlebt man die Überraschung nach der Filmentwicklung, die bei der digitalen Fotografie wegfällt.“ Konkurrenzverhältnis hat man keines zu Digitalkameras, denn das eine schließt das andere nicht aus. „Das sind zwei verschiedene Zugänge, die sich durchaus sinnvoll ergänzen“, meint Moritz.

Mit einigen kleinen Neuerungen – den ersten überhaupt – ging die Lomo LC-A+ somit in Produktion. In China bekam man die originalen Produktionsskizzen aus St. Petersburg zugeschickt und konnte der immerwährenden Nachfrage an  analogen Kompaktkameras mit der originalen Minitar 1 Linse gerecht werden.

Lomo weltweit
Heute sind überall auf der Welt Lomographische Botschaften und Lomography Gallery Stores verteilt. In den Gallery Stores sind die verschiedensten Kameras – neben der Lomo LC-A gibt es mittlerweile zahlreiche andere Lomo-Modelle von den ersten Lomo-Wegwerf-Kameras, den Lomolitos, über die Diana, die Horizon bis zur Lomo Lubitel 166+ – und diverse Accessoires von Taschen, Kleidung bis zu Alben erhältlich. „Wir liefern den Lomographen alle Werkzeuge, die sie benötigen: Von den Kameras selbst über die Aufbewahrung bis zu Taschen und T-Shirts“, so Moritz. „Das ganze Konzept, das hinter der Lomographischen Gesellschaft steht, kann man in den Lomo Gallery Stores verstehen.“ Sie sind das Paradies für jeden passionierten Lomographen: Neben dem gesamten Sortiment an Lomo-Produkten bieten sie gleichzeitig den idealen Treffpunkt für Workshops, Partys und Ausstellungen. „In unseren Gallery Stores ist wirklich etwas los. In Shanghai wird genau am 19. Juni 2009, also am 25. Geburtstag der Lomo LC-A, ein weiterer Gallery Store, nämlich ein sechsstöckiger Lomo-Tower, eröffnet. Wie man sieht: Wir opfern unsere Tische, damit sie nach Shanghai gehen“, erklärt Florian Moritz schmunzelnd mit Blick auf die umgedrehte Kiste, auf der wir während des Interviews unsere Kaffeetassen abstellen.


Fisheye
Fisheye
Fisheye


Zum Geburtstag viele Schnappschüsse
Die legendäre russische Lomo Compact Automat feiert das ganze Jahr 2009 ihren 25. Geburtstag. Die Feierlichkeiten starteten mit der Erscheinung des 3.000 Lomographien bunten und 3,75 Kilo schweren Lomo LC-A-Buches. Auf 662 Seiten wird die aufregende Geschichte dieser kleinen Kamera erzählt. Außerdem wird es einige Limited Editions der Lomo LC A+ geben, eine Menge internationaler Kunstprojekte, hunderte Partys auf der ganzen Welt, Online-Wettbewerbe und viele weitere Überraschungen.

Es ist nie zu spät, die Lomographie auszuprobieren. Anfängern empfiehlt Florian Moritz die Lomo LC-A+: „Sie hat mich noch nie im Stich gelassen.“ Was er Lomo-Neulingen mit auf den Weg gibt? Vielleicht die 10 Goldenen Regeln der Lomographie, wobei die 10. Regel alles aussagt: „Denke nicht über Regeln nach.“


Diana
Diana



Information:
Die 10 Goldenen Regeln der Lomographie:

Nimm die Kamera mit, wo immer du gehst.
Benutze sie Tag und Nacht.
Lomographie ist ein Teil deines Lebens.
Bring die gewünschten Objekte so nahe wie möglich an die Linse.
Denke nicht.
Sei schnell.
Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was du auf den Film gebannt hast.
Erst recht nicht nachher.
„Schieß“ aus der Hüfte.
Denke nicht über Regeln nach.



Information:
Lomography Shops und Botschaften in Wien und unseren Partnerländern:

Lomography Shop Vienna
7., Museumsplatz 1
MuseumsQuartier (rechts neben dem Eingang zur Kunsthalle)
Mo–So 11h–19h
T: 0043/1/523 70 16

Lomographische Botschaften
Die Lomographischen Botschaften geben Informationen über alles, was Lomographie betrifft. Außerdem veranstalten sie Ausstellungen und andere mit Lomographie verbundenen Aktivitäten in ihrem Umkreis.

Österreich – Lomographic Society International (Headquarters)
15., Hollergasse 41
T: 0043/1/89 94 40
www.lomography.com

Russland – Lomography Embassy Russian Federation
Suleyman Tsomakaev
Lomographic Embassy Russia
RU-193036 St. Petersburg
Nevsky pr., 105
(Eingang im Hof)
T: 007/812 327 34 16 und 007/ 812 272 87 61
E-Mail:  sts@lomography.ru

Slowakei – Lomography Embassy Bratislava
Matej Žoldoš
Bjornsonova 10
81105 Bratislava
T: 0042/19 08 70 4256
E-Mail:  info@lomography.sk



Linktipp:
Russische Website der Firma Lomo PLC in St. Petersburg  www.lomo.ru




(ene)
erstellt am: 2009-06-10