Susanne Scholl
Buch Cover

Buch-Präsentation: Auf den Spuren der russischen Seele


Susanne Scholl, langjährige Leiterin der ORF-Osteuroparedaktion, begibt sich kurz vor ihrer Rückkehr aus Moskau in ihrem Buch „Russland mit und ohne Seele“ auf die Suche nach einem realen Russland-Bild. 


Nach fast zwei Jahrzehnten in Moskau und der Erkenntnis, dass sie nur eines an Moskau verabscheut – nämlich das Klima – gibt Susanne Scholl in ihrem neuen Buch Einblick in eine Stadt, die eine normale Weltmetropole sein will, und doch ihre provinzielle sowjetische Vergangenheit nicht leugnen kann. In Gesprächen mit WegbegleiterInnen hinterfragt sie, wie die Menschen in Russland leben – in einem Land, das nie ein Mittelmaß findet. Personen wie Julia Chruschtschowa – Enkelin und Adoptivtochter des reformistischen sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschow – kommen direkt neben „Anna, der Taxifahrerin“ zu Wort und zeichnen insgesamt ein perspektivenreiches Bild von Russland und insbesondere Moskau.

Die russische Seele
Als in Moskau lebende Nicht-Moskauerin wird man im Westen häufig auf den Mythos der russischen Seele angesprochen. Dieses Klischee soll offenbar für das oft unerklärlich erscheinende Wesen Russlands herhalten. Russland selbst antwortet der westlichen Frage mit dem berühmten Zitat des Dichters Fjodor Tjutschew: „Russland kann man mit dem Verstand nicht begreifen, an Russland kann man nur glauben.“ Doch Susanne Scholl kam zu dem Schluss, dass beides falsch ist. Eine ihrer Bekannten, die in Moskau lebende armenische Journalistin Galina Mursaliewa, drückt sich – nicht ganz vorurteilsfrei – folgendermaßen aus: „Nach dem ersten Glas Wodka kann es durchaus sein, dass die russische Seele zum Vorschein kommt.“

Erinnerungen an die Sowjetunion
Viele der ProtagonistInnen im Buch erinnern sich gemeinsam mit Susanne Scholl an verschiedene Situationen, die sie in der Sowjetunion durchleben mussten und ziehen Verbindungen zum heutigen Russland. Oft kommen die so genannten „Komunalkas“ zur Sprache. Das waren Gemeinschaftswohnungen in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen viele Generationen von Sowjetbürgern zumindest ihre ersten Lebensjahre verbracht haben. Ganze Familien lebten oft nur in einem einzigen Raum neben genauso gedrängten anderen Familien. Auch die vaterlose Generation kommt immer wieder vor. Zahllose Männer kehrten aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück, sei es weil sie fielen, sei es, weil sie andere Familien gründeten. In der Sowjetunion schien Verantwortung ausschließlich Sache der Frauen zu sein, und dennoch war Politik immer Sache der Männer.

Die Repressalien und Jahre der ständigen Entbehrung in der Sowjetunion werden in Russland gerne totgeschwiegen. Nur in wenigen Ländern hat die Umschreibung der Geschichte zu Gunsten der Machthaber so große Tradition wie in Russland. Die Jahre, in denen man sich eventuell etwas in Richtung Demokratie bewegt hat, wurden zum Chaos erklärt. Um es mit den Worten der Buchautorin zu sagen: Glasnost und Perestrojka verschwanden mit dem unaufhaltsamen Aufstieg eines bis dahin unbekannten kleinen Mannes namens Wladimir Putin im schwarzen Loch der Geschichte.


Susanne Scholl


Wie geht es weiter?
Die nach 1991 eingekehrte „Normalität“ verlangt den Menschen in Russland viel ab. Vor allem, weil die Richtung, in die sich das Land entwickelt, nicht klar ersichtlich ist. Einer der Protagonisten, der Kunsthistoriker Andrej Jerefejew, definiert die heutige russische Politik als rückwärts fahrenden Zug, der aber nicht die Station „Sowjetunion“ erreicht, sondern eine, die noch niemand geplant habe.

Trotz der immer gegenwärtigen Vergangenheit Russlands ist gerade Moskau, das Susanne Scholl nicht mit Russland gleichsetzt, sehr lebenswert, an manchen Orten sogar märchenhaft. Die Autorin blickt von ihrer Wohnung bis zum Kreml – bei Schlechtwetter nur bis zur Lenin-Statue. Sie liebt den Markt des organisierten Souvenirhandels und ist dem Charme des Sowjet-Kitschs verfallen. Sowjetische Porzellanfiguren sind eine ihrer Leidenschaften, auch wenn diese wiederum politisch sind. Soldaten, Weberinnen und Bäuerinnen demonstrieren eine sowjetische Realität, die es so nie gegeben hat. Die Figuren sind auch etwas, das Putin aus Sowjetzeiten in sein Russland mitgenommen hat.


Infos:
Susanne Scholl: Russland mit und ohne Seele, ecowin-Verlag, 188 Seiten
ISBN 978-3-902404-74-9
€ 22,-- (A/D)
www.ecowin.at



Zur Person:
Dr. Susanne Scholl hat in Rom Slawistik studiert und danach das journalistische Handwerk in der Auslandsredaktion der Austria Presse Agentur gelernt. In die Osteuroparedaktion des ORF holte sie 1985 Paul Lendvai. Im Sommer 1989 übersiedelte sie mit ihren Zwillingen als Korrespondentin nach Bonn – und konnte so das Ende der DDR direkt miterleben und kommentieren. 1991 wechselte sie nach Moskau und übernahm dort ab 1994 die Leitung des ORF-Büros. Nach einem zweieinhalbjährigen Zwischenaufenthalt in Wien, wo sie das Europajournal des ORF-Radios leitete, kehrte sie Anfang 2000 als Bürochefin nach Moskau zurück. Susanne Scholl hat drei Sachbücher und drei Romane sowie einen Gedichtband veröffentlicht und mehrere Preise und Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten.


Tipp:
Susanne Scholl liest bei "Rund um die Burg"
Am 18. und 19. September 2009 findet zum 18. Mal das Literaturfestival "Rund um die Burg" in Wien statt. 24 Stunden lang - von 16.00 bis 16.00 Uhr - finden nonstop Lesungen im 1/2-Stunden-Takt statt.
Susanne Scholl liest aus ihren neuen Roman "Russland mit und ohne Seele"
am Freitag, 18. September 2009 um 18h im Hauptzelt vor dem Burgtheater

1., Dr. Karl-Lueger-Ring 2


Russland-Tipp:
Die russische Künstlergruppe AES+F präsentiert ihr Projekt „Defile“
Die Galerie Knoll eröffnet die Saison 2009/10 mit dem viel diskutierten Projekt „Defile“ der russischen Künstlergruppe AES+F – Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich, Evgeny Svyatsky und Vladimir Fridkes.

Tabuisierte Sterblichkeit versus vergängliche Schönheit
Mit den Werken der Serie „Defile“ setzt sich die Künstlergruppe AES+F mit dem Umgang der Menschen mit dem Tod auseinander, indem sie das Bild des Todes neben das Bild der Schönheit setzt. Die Zwangsvorstellung von Mode, die eine Kurzlebigkeit symbolisiert, kann als ein Weg dienen, mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Menschen haben immer dazu tendiert, den Tod zu verschleiern. Dieser Idee will sich AES+F widmen.
Videos und Fotos mit toten Körpern unbekannter Menschen in einer Leichenhalle und Aufnahmen von „haut couture“ an lebenden Models in Paris, Mailand und London wurden digital manipuliert, sodass die unbekannten Körper mit dem exklusivem Gewand bekleidet sind. Die Körper schweben über ein unsichtbares Podium, ihre Kleidung bewegt sich, als ob sie über den Catwalk laufen.

Das gesamte Projekt, das tabuisierte Sterblichkeit und vergängliche Schönheit gegenüber stellt und ineinander verwebt, ist bis 14. November in der Galerie Knoll zu sehen.

KnollGalerieWien
6., Gumpendorferstraße 18
T: 0043/1/5875052
office@knollgalerie.at
www.knollgalerie.at
www.aes-group.org

(ene)
erstellt am: 2009-09-16