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Modernes Lagergebäude
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Dem frühen Film auf der Spur
Mitten auf einem Feld im kleinen, rund 10 km von Wien entfernten, idyllischen Örtchen Laxenburg befinden sich Österreichs wertvollste Filmbestände. Hier im Zentralfilmarchiv Laxenburg lagern zwischen Birken und Weiden in einem speziell klimatisierten, eigenen Nitrofilmlager auch die ältesten Bestände des Filmarchivs Austria, deren Restaurierung zu den zentralen Aufgaben der Archivare in Laxenburg zählt.
wieninternational.at hat dem Leiter des Zentralarchivs Dr. Nikolaus Wostry einen Besuch abgestattet und im romantischen Ambiente des ehemaligen Jagdschlosses Kaiser Franz Josefs mehr über den frühen Bestand des österreichischen Films erfahren. Ein Ausflug in die Welt des erotischen Films, der Kriegspropaganda und verschollen geglaubter Meisterwerke.
wieninternational.at: Wie spät oder wie früh setzte im internationalen Vergleich in der ehemaligen k & k Monarchie die Filmbegeisterung ein?
Wostry: Die Filmbegeisterung hat überall gleichzeitig eingesetzt. Unsere Sammlung beginnt beispielsweise mit den so genannten Lumiere Filmen von 1896 (die ersten Filme, die in Wien vorgeführt wurden, Anm. d. Red.). Was verglichen mit anderen Ländern erst spät einsetzte, war die Filmproduktion. Bezeichnenderweise beginnt sie in Österreich um 1906 mit den so genannten „Herrenabendprogrammen“ der Wiener Saturn-Film, also kurzen Erotikfilmen. Man könnte da eine gewisse Affinität zum Wiener Fin de Siècle erkennen, in dem auch Schnitzler und Freud tätig waren.
wieninternational.at: Wie gut ist die Überlieferungssituation dieser erotischen Filme?
Wostry: Ungewöhnlich gut. Wir sind in Besitz von mehr als der Hälfte der Saturn-Filme, die damals gedreht wurden. Dabei handelt es sich zum größten Teil sogar um Original-Negative, also jenem Material, das bei der Aufnahme in der Kamera quasi physisch anwesend war. Diese Filme stellen den einzigen Beitrag Österreichs zur Periode des so genannten „Frühen Kinos“ dar, die etwa bis 1910 dauerte.
wieninternational.at: Was unterscheidet dieses frühe vom heutigen Kino?
Wostry: Bis dahin bestand ein Filmprogramm noch aus einer Vielzahl von kurzen Filmen, die sich auch in ästhetischer Hinsicht von späteren Perioden deutlich unterschieden. Das frühe Kino diente vor allem der Volksbelustigung. Es war ungezügelt, frech und für das einfache Volk geschaffen. Um 1909 beginnt langsam der so genannte „Kunstfilm“ populär zu werden. Man engagiert berühmte Stars vom Theater, lässt die Drehbücher von berühmten Autoren schreiben und errichtet opulente Kinopaläste. Das Kino beginnt um kulturelle Dignität zu werben. Es möchte ernst genommen werden und beginnt sich Theater-Konventionen abzuschauen. Dadurch geht allerdings auch einiges von der kinematografischen Innovation verloren.
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Rundgang im Archiv
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wieninternational.at: Sie haben kürzlich für die Viennale 09 die Programmschiene „Early Austrians“ programmiert. 1906 bis 1918? Was zeichnet den österreichischen Film in dieser Zeit aus?
Wostry: Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass die Überlieferungssituation in Österreich zu jener Zeit sehr schlecht ist. Dadurch können wir viele der dominanten Strömungen nicht mit Filmen belegen. Was im österreichischen Filmschaffen aber immer schon ein zentrales Element war, ist die Bildkomposition. Selbst die frühen österreichischen Dokumentarfilme haben enorme ästhetische Qualitäten. Das trifft auch für die Kriegspropagandafilme des Ersten Weltkriegs zu. Es ist geradezu pervers die Leiden des Krieges in solch ästhetischen Bildern verfremdet zu sehen.
wieninternational.at: Sie haben viele dieser Filme lagernd. Welchen Stellenwert nimmt dokumentarisches Material bei Ihnen ein?
Wostry: Die Überlieferungssituation im Dokumentarfilmbereich ist und war immer schon besser als im Spielfilmbereich. Das hat auch mit der Gründungsinstitution des Filmarchivs zu tun, das aus der „Staatlichen Hauptspielstelle für Lichtbild und Bildungsfilm“ hervorgegangen ist. Sie wurde 1919 gegründet und geht selbst wieder auf die Filmstelle des k.u.k Kriegspressequartiers zurück. Von diesen Institutionen wurde der Spielfilm einfach nicht als historisch relevant angesehen. Zu den frühesten Dokumentarfilmen in unserem Besitz zählen beispielsweise Aufnahmen des Wanderkinobesitzers Johann Bläser zur 700 Jahrfeier von Braunau am Inn im Jahr 1903 sowie Dokumentaraufnahmen des berühmten Ethnologen Rudolf Pöch aus dem Jahr 1904, der auf seinen Expeditionen in Neu-Guinea bereits gefilmt hat.
wieninternational.at: Auf der Homepage des Filmarchivs steht: „Wir sind heute schon besser darüber informiert, was die Zeitgenossen Gutenbergs vor 500 Jahren gelesen haben, als was am Anfang unseres Jahrhunderts im Kino gesehen wurde.“ - Wieso ist das so?
Wostry: Filme sind wie Theaterstücke für das Hier und Jetzt geschaffen. Sie sind ein kommerzielles Produkt und als solches müssen sie Profit erwirtschaften. Filmmaterialien sind außerdem chemisch unbeständig und zersetzen sich im Lauf der Zeit. Das ist aber weniger das Problem. Sie sind dennoch unvergleichlich haltbarer als man von digitalen Medien erwarten darf. Ein großes Problem ist zum Beispiel, dass der Verleihbestand mit der Einführung des Tonfilms fast über Nacht wertlos wurde. Kein Mensch wollte mehr diese „stummen“ Filme sehen. Dabei waren sie gar nicht stumm, denn sie wurden ja immer mit Musik begleitet oder sogar von Filmerklärern präsentiert. Um dennoch an diesen Filmen zu verdienen, hat man sie recyclet. Der Kunststoff wurde ausgewaschen und zur Herstellung von Kämmen, Püppchen und vielen anderen Dingen verwendet. Besonders kostbar war das Silber der photografischen Emulsion.
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Early Austrians: Filme vor 1918
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wieninternational.at: In den letzten Jahren konnten viele verschollen geglaubte frühe österreichische Filmdokumente wiederentdeckt werden. Wie ist es Ihnen gelungen, diese ausfindig zu machen?
Wostry: Wir haben mit den unterschiedlichsten internationalen Archiven Kontakt aufgenommen und uns vor allem unidentifizierte Filme vorspielen lassen, von denen man vielleicht wusste, dass die Sprache deutsch ist, aber nicht, wo und wann sie produziert wurden. Ein Vorteil war sicherlich, dass Österreich aus Gründen der Kostendeckung immer an den Export gebunden war. Tatsächlich sind die meisten dieser alten österreichischen Filme auch im Ausland aufgetaucht.
wieninternational.at: Viele der Filme wurden in Zentral- und osteuropäischen Ländern wieder gefunden! Wieso war die Suche gerade dort so erfolgreich?
Wostry: Durch die Monarchie waren ja viele dieser Länder Teil des Binnenmarktes. Österreich hat sich immer schon stark in Richtung Balkan orientiert. Das war ein starker Exportmarkt. Umgekehrt sind viele bedeutende Werke dieser Regionen auch in Österreich zu finden. Wir haben eine große ungarische kinematografische Sammlung und einige Schlüsselwerke des serbischen Kinos.
Interessant ist auch, dass die historische Entwicklung auch in die Filmüberlieferung eingeschrieben ist, das heißt diese von ihr reflektiert wird. Generell lässt sich sagen, dass die Unterstützung in den ehemaligen kommunistischen Ländern für Filmarchive besser war. Obwohl dort eine Mangelwirtschaft herrschte, hat man dem Bereich Film einfach mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
wieninternational.at: Gibt es Filmdokumente, die in den vergangenen Jahren wieder gefunden wurden, über deren Auffinden Sie sich besonders gefreut haben?
Wostry: Es kommt nur selten vor, dass man etwas findet, was man sich unbedingt wünscht. Das sind leider rare Momente im Archivleben. Eines dieser Highlights aus der Frühzeit des Films war sicherlich „Mit Herz und Hand fürs Vaterland“, der erste Film mit Liane Haid. Als Kriegspropagandafilm war er seinerzeit sehr bekannt und wir glaubten, er sei für immer verschwunden. In ästhetischer Hinsicht waren es sicher die Filme von Emil Leyde. Lange Zeit waren alle verschollen, bis dann innerhalb kurzer Zeit gleich vier Filme aufgetaucht sind, die alle hervorragend waren. Als ich den „Sonnwendhof“ zum ersten Mal gesehen habe, ist mir regelrecht ein Schauer über den Rücken gelaufen. Leyde hat Anfang der 20er Jahre auch einen speziellen Farb-Film gemacht mit Namen „Fiat Lux“, der ist leider allerdings bis heute verschollen...
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Auch Kriegspropagandafilme lagern im Filmarchiv
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wieninternational.at: Was passiert, wenn Sie neues Filmmaterial gefunden haben?
Wostry: Das Material wird zunächst einmal archiviert. In der Regel versuchen wir dieses Material auch zu restaurieren, wobei das natürlich immer auch eine finanzielle Frage ist. Das hängt aber auch vom Material selbst ab, es gibt auch Quellmaterial, das in sehr schlechtem Zustand ist. Dann ist das Ganze natürlich wesentlich aufwändiger.
wieninternational.at: Wie gehen Sie bei solch einer Restaurierung vor?
Wostry: Restaurierung ist eigentlich ein Euphemismus. Wir restaurieren in diesem Sinne keine Filme. Wir duplizieren die Originale. Die Originale werden lediglich passiv erhalten, indem wir sie unter möglichst optimalen Bedingungen lagern. Von Restaurierung zu sprechen ist auch insofern problematisch, als unser Resultat nie besser als der Ursprung ist. Das „restaurierte“ Material hat nie dieselbe Qualität wie das Ausgangsmaterial. Mit jeder neuen Generation verliert der Film an Qualität. Die Filme, wie sie damals über die Kinoleinwand liefen, waren viel schöner. Es ist beispielsweise sehr schwer ihre Farben zu sichern. Dazu muss man wissen, dass die schwarz-weißen Filme der Frühzeit fast immer gefärbt waren. Dafür gab es verschiedene Techniken. Bei der so genannten Virage wurde Szene für Szene in einem Farbbad gefärbt, dann gab es noch Tonungen, bei denen das Bildsilber, also nur die Schwärzen, durch andere Farben ersetzt wurden und natürlich die Kolorierungen, bei denen oft Bild für Bild händisch bemalt wurde. Filme waren damals echte Handwerksprodukte.
wieninternational.at: Hat das Filmarchiv Austria sich in den letzten Jahren hinsichtlich der Konservierung und des spezialisierten Umgangs mit alten Filmen - sprich Nitrofilmen - ein internationales Ansehen erarbeiten können? Wie kam es dazu?
Wostry: Es gibt bei verschiedenen Archiven unterschiedliche Zugänge. In Deutschland vernichtet man beispielsweise noch Originale, so etwas käme für uns nie in Frage. Der Film ist für uns auch als technisch-historisches Medium von Relevanz. Die Erforschung der historischen Filmtechniken ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Es werden systematisch alle Geräte gesammelt, die für die Filmherstellung relevant sind. Das ist zum Beispiel eine sehr seltene Kamera aus dem Jahre 1929 mit der man gleichzeitig das Bild und den Ton aufnehmen konnte. Damit wurden jahrzehntelang Wochenschauaufnahmen gemacht, zum Beispiel auch die Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrags. Insgesamt verwahrt das Filmarchiv etwa 30.000 Rollen Nitro-Filme, das sind Filme, die vor 1955 produziert wurden. Da sie sehr feuergefährlich sind, müssen sie in einem speziellen Nitrofilmlager untergebracht sein.
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Genügend Raum für die Technik
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wieninternational.at: Wie komme ich als interessierter Laie in den Genuss, diese frühen Filme Ihres Archivs zu sehen?
Wostry: Ein Archiv, das nicht genutzt wird, ist tot. Es ist eine zentrale Aufgabe eines Archivs, seine Schätze zugänglich zu machen, aber auch Verständnis für sie zu vermitteln. Wir machen das, indem wir DVD-Editionen zu verschiedensten Themen herausgeben, spezielle Wünsche und Interessen kann man im Audiovisuellen Zentrum des Filmarchivs im Augarten im Zuge einer Einzelplatzbenutzung sichten oder wer das authentische Erlebnis des Kinos nicht missen möchte, kann eine unserer regelmäßigen Vorführungen im Wiener Metrokino besuchen.
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Info:
Audiovisuelles Zentrum Augarten Obere Augartenstraße 1 e 1020 Wien Tel.: +43 1 216 13 00 Zentralfilmarchiv Laxenburg Parkweg 89 2361 Laxenburg Tel.: +43 0 2236 71 440 filmarchiv.at/show_content.php?hid=11 Das Filmarchiv steht auch für Beratungen zur Verfügung. Etwa in Bezug auf technische Fragen, Möglichkeiten der Überspielung, etc. Zudem ist das Filmarchiv Austria grundsätzlich an der Übernahme von interessanten Beständen zur Erweiterung der Sammlungen interessiert. Neben dem Filmarchiv Austria gehören das Wiener Filmmuseum und die Filmgalerie in Krems zu den wichtigsten Institutionen in puncto Film in Österreich. In einem gemeinsamen digitalen Restaurierungsprojekt arbeitet man an der Erhaltung und Rettung des filmischen Erbes. Büro, Bibliothek und Kino im Filmmuseum Augustinerstraße 1 1010 Wien (im Gebäude der Albertina) T +43/1/533 70 54 www.filmmuseum.at Österreichische Filmgalerie GmbH Minoritenplatz 4 3500 Krems Tel.: 02732 90 80 00 www.kinoimkesselhaus.at |
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Tipp:
Saturn-Filme: Im Rahmen eines Restaurierungsprojekts werden derzeit die Saturn-Filme digital restauriert. Diese werden im Zentralarchiv Laxenburg hochauflösend gescannt, danach in der Filmgalerie Krems digital bearbeitet und zum Schluss wieder auf Film gebannt. Zudem wird es eine historisch-kritische Komplettausgabe auf DVD geben. Diese wird im Dezember erscheinen. |
(sasch)
erstellt am: 2009-11-18




