Abfallwirtschaftskongress

Wien: lebenswerteste Stadt der Welt auch Abfall-Entsorgungs-Vorbild


Städte bleiben nur lebenswert, wenn sie auch ihren Abfall umweltgerecht entsorgen und öffentliche Sauberkeit nicht nur kontrollieren, sondern auch durch Sanktionen durchsetzen.


Dies war der Tenor des dreitägigen 9. Internationalen Abfallwirtschaftskongresses 2009 in Wien. Teilgenommen haben mehr als 340 VertreterInnen aus 25 Ländern. Vortragende kamen ebenfalls aus der ganzen Welt von China über Europa bis New York. Auch der Präsident der Welt-Abfallwirtschafts-Organisation ISWA, Atilio Savino aus Argentinien, war nach Wien gekommen. Die ISWA hat bereits Anfang 2009 ihren internationalen Sitz für 10 Jahre von Kopenhagen nach Wien verlagert. Wien fungiert seither auch weltweit als Drehscheibe für Diskussionen und Kontakte in Fragen der Abfallwirtschaft. Beim 9. Welt-Kongress in Wien ging es um die Top-Themen: Wert und Verwertung – vom Abfall zum Rohstoff. Saubere Städte – Sanktionen und Kontrollen. Bioabfall in der Großstadt.

Wien Drehscheibe und Vorbild
In ihrer Eröffnungsrede sprach Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima Kernthemen einer modernen, umweltgerechten Abfallentsorgungs-Wirtschaft an und verwies auf einschlägige Vorzeige-Projekte der Stadtverwaltung. Der 9. ISWA-Kongress in Wien sei die perfekte Möglichkeit eines weltweiten Erfahrungsaustausches, sagte Sima. Kommunen kämpften mit gleichen Problemen, suchten nach gemeinsamen Lösungen und könnten dabei vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen auch verstärkt voneinander lernen.

Die internationale Abfallwirtschaft unterliege einem steten Wandel. "Wurde der Müll früher einfach auf Deponien abgekippt, setzen wir heute auf eine hoch technisierte und spezialisierte Abfallwirtschaft, die danach trachtet, Kreisläufe soweit wie möglich zu schließen“, erklärte die Umweltstadträtin. Innovative Verfahren und Technologien ermöglichten es, Rohstoffe aus dem Abfall umfassend und effizient in den Wirtschaftskreislauf zurückzubringen und damit Ressourcen zu schonen. Für Wien bedeute geschlossener Kreislauf, dass es auf ein breites Angebot setze, von der getrennten Müll-Sammlung über die Biotonne, die Kompostierung in einer eigenen städtischen Anlage bis zur Erzeugung von torffreier Erde für die Wienerinnen und Wiener. Garant für eine derartige breit abgestützte Entsorgungssicherheit sei eine funktionierende kommunale Daseinsvorsorge.


Ulli Sima
Ulli Sima


Internationaler Erfahrungsaustausch in Wien auf höchstem Niveau
Josef Thon, Chef der MA 48, sagte, der ISWA-Kongress verbinde Kommunen, Privatwirtschaft und Politik miteinander. Er fungiere als internationale Kommunikations- und Diskussionsplattform zu den zentralen Themen der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung.

Vergleiche weltweit: ähnliche Sauberkeits-Strategien von Städten
Ein internationaler Vergleich beim Wiener ISWA-Kongress ergab, dass Städte weltweit ähnliche Sauberkeits-Strategien fahren. Unterschiede liegen vor allem bei Geldstrafen. Generell sind aber Zigarettenstummel, Hundekot und Kaugummis auch anderswo Hauptprobleme. Beispiel Paris: In der Seine-Metropole bereiten vor allem achtlos weggeworfene Zigarettenstummel sowie öffentliches Urinieren Kopfzerbrechen, wie Didier Bely, oberster Müllfachmann von Paris, erläuterte. Angetan hatten es Bely besonders die populären Wiener Hunde-Sticker in Grünanlagen. Diese Idee wolle jetzt auch Paris prüfen, sagte Didier Bely. Auch Paris leide unter Hundekot.


Josef Thron und Ulli Sima


Besonders empfindlich werden in Dublin Umweltsünder bestraft. Die irische Hauptstadt mit rund 500.000 EinwohnerInnen hat sich damit den Ruf von Singapur in Europa eingehandelt. In Dublin sind beispielsweise mindestens 150 Euro für alles zu berappen, was achtlos auf den Boden geworfen wurde. Gleichgültig, ob Kaugummi, Zigarettenstummel oder sonst etwas, wie Abfall-Expertin Bernie Lilli erläuterte. Dublin nehme Verstöße gegen die öffentliche Sauberkeit sehr ernst. Grund seien auch rund 5,6 Millionen Touristen jährlich. Die Höchststrafe beläuft sich in Dublin auf beachtliche 7500 Euro. Im Vorjahr wurden 80 Vergehen angezeigt.

Letztes Beispiel Frankfurt. Im Vergleich zu Dublin sind Organmandate in Frankfurt zwar moderat, aber auch nicht billig: 25 Euro werden in der Buchmesse-Stadt für weggeworfene Zigarettenstummel fällig, 35 Euro für auf die Straße geworfene Kaugummis, 75 Euro für "Hundstrümmerl." Die Main-Metropole hat bereits vor acht Jahren eine eigene Stabstelle "Sauberes Frankfurt" eingerichtet, wie deren Leiter Peter Postlebs informierte. Dotiert ist diese Dienststelle mit 1,5 Millionen Euro jährlich. Frankfurt setzt dabei auf einen Mix aus Stadtpolizei, Ordnungsdienern und privaten Überwachungsdiensten. Ordnungsdiener werden vor allem aus geschulten Hartz IV-Sozialhilfe-Empfängern rekrutiert. Für Graffiti wurde eine eigene Truppe bei der Polizei aufgestellt. Ganz gute Erfahrungen hat Frankfurt auch mit Ehrenamtlichen gemacht, die als Parkwächter mithelfen, so Postleb.


Zigarettenstummelrohr
Hundekot
Geldstrafe


Grundtenor der verschiedenen Städte-Berichte war, dass Strafen und Präsenz, kombiniert mit einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit, von Seiten der Bevölkerung gut aufgenommen werden. Wirtschaftlich wurde vor allem Sorge geäußert, dass die anhaltende weltweite Finanzkrise auch dazu beitrage, dass Absatzmärkte für wieder verwertbare Sekundär-Rohstoffe weiter einbrechen würden. Dies mache es Kommunen bei schwindenden Einnahmen noch zusätzlich schwerer, eine umweltgerechte Abfallentsorgung samt Verwertung aufrecht zu erhalten.
 

Mülldeponien Wien, Popup
Info:
Hintergrund: Das Wiener Abfallentsorgungs-Modell:
Wien verfügt über ein breites Entsorgungs-Angebot. Martina Ableidinger von der MA 48 erläuterte dieses den Delegierten des Wiener ISWA-Kongresses. Demnach gibt es in Wien beispielsweise mehr als 6.000 öffentliche Sammelstellen und 19 Mistplätze. An letzteren können Haushalte in üblichen Mengen und gratis Sperrmüll und sonstige Dinge abgeben, die nicht mehr gebraucht werden. Altstoffe können umfassend umweltgerecht entsorgt werden. Federführend zuständig ist dafür die Magistratsabteilung MA 48. Sie betreut insgesamt rund 400.000 Behälter für Altstoffe und Restmüll in ganz Wien, davon alleine 197.000 Sammelbehälter für die getrennte Sammlung von Altstoffen. In rund 74.000 extra Behältern werden in Wien jährlich mehr als 110.000 Tonnen Biomüll gesammelt. Daraus produziert die MA 48 besten Kompost, der auch im biologischen Landbau eingesetzt wird.



WasteWatchers und Hund
Info:
Angebot erweitert – Kontrollen verstärkt
Dieses umweltgerechte Abfall-Entsorgungs-Angebot wird in Wien laufend erweitert. Gleichzeitig verstärkt Wien auch Kontrollen. Im Februar 2008 wurden eigene Umwelt-Kontrollore ins Leben gerufen, die in Wien WasteWatcher heißen. Für diese Kontroll-Organe sind die MA 48 (Müllentsorgung) und die MA 42 (Gartenamt) zuständig. Mittlerweile gibt es in Wien mehr als 100 WasteWatcher. Ihre Aufgabe ist es, ein hohes Sauberkeitsniveau Wiens sicherzustellen. Die WasteWatcher sind vermehrt in der Stadt präsent. Ihre Routen werden laufend adaptiert. An Schwerpunkttagen, vor allem an Samstagen, informieren sie die Wienerinnen und Wiener auch über das breite Angebot der Stadt für Entsorgungs-Möglichkeiten.

Nützt Aufklärung nichts, dürfen WasteWatcher auch Organmandate verhängen. Aktuelle Bilanz: von Jänner bis Oktober 2009 gab es knapp 3.400 Amtshandlungen. Dabei wurden 1.553 Ermahnungen ausgesprochen, 1.238 Organmandate verhängt und 575 Anzeigen erstattet. Die Anzeigen können sich bis zu 1.000 Euro belaufen, in besonders schweren Fällen aber auch doppelt so hoch sein. Die meisten Organmandate werden für nicht weggeräumten Hundekot, wild abgelagerten Sperrmüll sowie für "entführte" Einkaufswagerln von Supermärkten verhängt.

Jüngste Bilanz: Die Maßnahmen greifen, so Martina Ableidinger von der MA 48. Merklich gebessert hat sich nach ihren Worten die Lage in Sachen Hundekot. Da hat Wien vor rund zwei Jahren mit  so genannten „Hundstrümmerl“-Werbemaßnahmen begonnen. Seither muss in Wien jede/r Hundebesitzer/in den Kot ihres vierbeinigen Lieblings wegräumen. Die Stadt Wien stellt für „das Gackerl“ kostenlose Sackerl zur Verfügung. In allen 23 Bezirken wurden mittlerweile 2.340 Hundesackerl-Automaten aufgestellt. Im vergangenen September wurden noch zusätzlich 11.000 Hundestecker mit der Aufschrift "Sind Dir 36,- Wurst?" ausgesteckt. Darauf wird hingewiesen, dass Nicht-Wegräumen von Hundekot für Hundebesitzer in Wien strafbar ist. Ein Organmandat kostet 36 Euro.

Die MA 42 (Wiener Gärten) sorgen vor allem für neue und auffälligere Papierkörbe sowie für so genannte „Aschenrohre“ obendrauf, an denen Zigaretten abgedämpft werden können. Bei diesen Sauberkeits-Initiativen machen auch die Wiener Linien, die Bahn (ÖBB) und andere Stellen mit.

  



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(fhe)
erstellt am: 2009-11-25