DJ Gabbi Werner
Rote Bar

Ein DJ-Märchen oder warum Musik einfach Spaß machen soll


Wer sich schon einmal von DJ Gabbi Werner, aka First Lady obt, musikalisch durch den Abend geleiten ließ, der weiß: hier ist vieles möglich. Swing folgt auf House, Jazz auf Electro - und doch scheint nie eine Nummer fehl am Platz zu sein. Das hat auch Stilexpertin und Organisatorin des Opernballs, Desirée Treichl-Stürgkh, längst erkannt und die begeisterte Wahlwienerin aus Amsterdam erneut eingeladen, First Lady an den Turntables auf dem Wiener Opernball zu sein.

Mit ein Grund für wieninternational.at sich im Vorfeld mit der zierlichen Holländerin zu treffen und Nachhilfe in puncto Musik zu nehmen. Herausgekommen ist ein Gespräch über die hohe Lebensqualität der Stadt, die mangelnde Risikobereitschaft der Wiener DJs und darüber, warum man auch als Frau am DJ-Pult seinen Mann stehen soll.

WI: Wie ist es dazu gekommen, dass Du in Wien als DJ arbeitest?
Gabbi Werner: Ich bin nach Wien gekommen, weil ich für einen Dokumentarfilm recherchiert habe. In Holland war ich Regisseur für Dokumentarfilme fürs holländische Fernsehen, habe aber zum Spaß manchmal auch aufgelegt. Während meiner sechs Wochen in Wien musste ich oft warten, bis die jeweiligen Gesprächspartner Zeit für mich hatten. Also saß ich viel im Kunsthallen Café am Karlsplatz, habe Café getrunken und dabei holländische Zeitung gelesen. Eines Tages, als mir wieder einmal fad war, habe ich gefragt, ob ich einen Nachmittag auflegen darf. Man hat mir dann eine Stunde gegeben, vor dem „echten“ DJ. Genau da ist der Besitzer Bernd Schlacher herein gekommen. Meine Musik hat ihm offensichtlich gefallen, denn er hat mich bis zu meiner Abreise regelmäßig im Motto auflegen lassen. Zurück in Holland ist mir klar geworden, dass ich gerne nach Wien ziehen würde. Also habe ich Bernd angerufen und ihn gefragt, ob er irgendeinen Job für mich hat. Tatsächlich gab er mir einen für ein halbes Jahr als DJ Bookerin. Daraus sind mittlerweile vier Jahre geworden. Es ist also eigentlich eine Art Unfall, ein Zufall, dass ich hier bin. Die beste Zufälligkeit, die mir je passiert ist in meinem Leben. Fast ein bisschen wie im Märchen.

WI: Was ist es, das Du an Wien so magst, dass Dich hier letztendlich Deine Zelte aufschlagen ließ?
Gabbi Werner: Ich liebe einfach die Schwingungen hier. Wien ist eine sehr gemütliche Stadt und dabei gleichzeitig sehr international. Die Qualität des Lebens wird für mich eigentlich nur durch die Qualität des Essens übertroffen. Es sind eine Menge kleiner Details, die mich im täglichen Leben bezaubern, die Verrücktheit der Fassaden der Häuser im sechsten Bezirk, der Geruch der Luft im Frühling oder die reichlichen Sonnenstunden im Sommer. Nicht zu vergessen die Offenheit der Menschen. Die Wiener sind sehr offen, was sie witzigerweise jedes Mal überrascht, wenn man ihnen das sagt. Drastisch verändert hat sich das seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Ich habe bereits 1991 einige Monate hier verbracht. Damals war Wien noch immer so etwas wie der letzte Stop vor dem Eisernen Vorhang, obwohl dieser längst gefallen war. Mittlerweile haben viele amerikanische Firmen ihre Firmensitze hier und Wien ist sprichwörtlich aufgewacht. Trotzdem ist es die beste Stadt für alle, die Erholung suchen. Ein wichtiger Punkt für mich sind auch die hervorragenden Museen, die es hier gibt, die Architektur, das alles ist von so hoher Qualität. Zusammenfassend lässt sich sagen, es ist der Café, das Essen, das tägliche Leben und die Menschen, die Wien für mich so lebenswert machen.


DJ Gabbi Werner
Plattencover
Plattencover
 

WI: Mit den Veranstaltungen „Die Holländer kommen“ und „Vienna Weekender“ sorgst Du mittlerweile für regen Austausch der holländisch-österreichischen DJ-Szene? Gibt es da Unterschiede?
Gabbi Werner: Was mir sehr früh aufgefallen ist, dass die österreichischen DJs technisch ungemein gut sind – das hat mich anfänglich sehr beeindruckt. Nur irgendwann habe ich dann bemerkt, dass zwar technisch alles genial ist, nur Risiken gehen die Leute weniger ein. Die Holländer sind da etwas lässiger. Das hat am Anfang dazu geführt, dass bei den Events die Mashes nicht immer gleich glücklich waren. Aber je länger ich hier bin - je besser ich die Leute kennen gelernt habe - desto besser sind dann auch die Mash-ups geworden. Die Holländer sind anarchistischer, die trauen sich viel extremere Sachen. Obwohl es dieses Grenzen einhalten in Holland auch sehr lange gegeben hat. Wenn du Minimal gehört hast, hast du Minimal gehört, wenn du Electro gehört hast, hast du Electro gehört. Ich habe zu einer Szene gehört, wo wir unabhängig voneinander angefangen haben, beim Auflegen plötzlich etwas total anderes dazwischen zu mischen. Das heißt, du spielst die ganze Zeit Disco und auf einmal haust du Rammstein rein. Wenn du dann bemerkst, dass das gut ankommt, machst du so etwas immer öfter. Mit der Zeit hat sich diese eklektische Szene gebildet. Das gibt es in Wien zum Glück jetzt auch immer mehr. Stefan Obermaier und Shanti Roots beispielsweise, die zwei zusammen mag ich sehr, vor allem wenn sie Stoney the Flute live auf der Querflöte dabei haben. Mittlerweile kenne ich in Wien auch schon genügend Leute, die sich trauen, alles durcheinander zu spielen. DJ Bastillo, das ist Sebastian Wiesflecker von Mon Ami, ist auch ein gutes Beispiel dafür.

WI: Worin siehst Du den Vorteil eines solchen Cross-over?
Gabbi Werner: Für mich ist es so einfach interessanter und ich glaube im Endeffekt fürs Publikum auch. Wenn man nur eine Musikrichtung spielt, ist das so eingeschränkt. Mir geht es - das klingt jetzt zwar einfach - vor allem auch um die Freude an der Musik, ums Spaß haben und ums Tanzen. Das bedeutet nicht, dass ich kommerzielle Nummern auflegen muss. Da bin ich weit davon entfernt. Obwohl sicher ein- oder zweimal am Abend ein Hit vorbeikommen wird. Aber in erster Linie geht es um gute Nummern und ob das jetzt House-, Disco-, Electro- oder Soul-Nummern sind, ist mir egal. Meine Kollektion reicht von 1927 bis vor drei Tage. Die zweite Platte, die ich mir nach Abba gekauft habe, war eine von den Andrew Sisters. Ich habe sowohl Musicals gemocht als auch Punk gehört. Ich würde es schade finden, wenn ich all diese Musik nicht nutzen könnte. Ich versuche, innerhalb der Musik immer Grenzen auszuloten, zu schauen, in welche Richtung kann ich Leute mitnehmen, so dass ich sie überrasche aber dabei nicht zu arg schockiere.

WI: Was erwartet die Leute, wenn sie Dich auflegen hören wollen?
Gabbi Werner: Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt ganz davon ab, wo man mich trifft. Im Winter gibt es jeden Donnerstag im Motto dieses „easy cheesy listening“. Da spiele ich 95 Prozent Cover-Versionen. Das kann mitunter auch sehr witzig sein, weil da immer auch ein paar schlechte darunter sind. Eine Flamenco-Version von „The Final Countdown“, so etwas muss man einfach einmal gehört haben. Aber es hängt auch sehr von den Leuten selber ab. Manchmal nehme ich mir für einen Abend etwas vor, aber gehe dann plötzlich in eine ganz andere Richtung. Auflegen ist auch immer Kommunikation. Der DJ sollte immer auch gemeinsam mit dem Publikum feiern. Das ist extrem wichtig. Deshalb stehe ich in der Roten Bar auch nicht auf einer Bühne, sondern habe mein DJ-Pult immer auf dem Floor. Generell muss ich jetzt aber sagen, dass das Wiener Publikum wirklich ein tolles ist. Das höre ich auch immer wieder von holländischen Kollegen, die in Wien aufgelegt haben. Das Publikum hier ist schnell von etwas begeistert und teilt es dem DJ auch mit.

WI: Wo endet Dein Entgegenkommen dem Publikum gegenüber? Kommt es vor, das Du Dich weigerst, etwas zu spielen?
Gabbi Werner: Es gibt schon Sachen, bei denen ich mich verweigere. Ich bekomme ab und zu auf einer Feier schon Ärger, weil ich mich weigere beispielsweise the Weather Girls aufzulegen. Dann kann es schon passieren, dass gesagt wird, Du wirst bezahlt und Du musst das jetzt auflegen, worauf ich dann antworte, dass ich keine Juke Box bin. Ich habe schon meinen eigenen Geschmack. Innerhalb dessen versuche ich den Leuten mit sanfter Hand deutlich zu machen, dass das vielleicht nett ist, was ich tue. So eine Art Missionar der Musik. Wobei gute Musik von mir aus auch ganz schlechte Musik sein darf. Wenn man nur drüber lachen kann.

WI: In Holland hast Du Dich „The First Lady of bad taste“ genannt. Das Motto deiner Homepage ist „Embassy of style“ - auch ein Widerspruch, den es aufzubrechen gilt?
Gabbi Werner: Gerade in diesem Widerspruch liegt für mich der Witz. Den Namen „Lady of bad taste“ hatte ich in Holland wegen meiner skurrilen Wohnung. Ich hatte sehr viel Zeug dort herumstehen, darunter Unmengen an geschmacklosen 3D Karten. Aber es sind gerade solche Juwele der Misslungenheit, die ich besonders liebe. Als Filmemacherin habe ich unter anderem Filme über Architektur gemacht. Besonders begeistert haben mich immer jene Bauten, die zum Feind ihrer Umgebung wurden - und trotzdem passen sie immer irgendwie.

WI: Wie wird man DJ am Opernball? Musst Du da gewisse musikalische Auflagen erfüllen oder bleibst Du Deinem Stil treu?
Gabbi Werner: Auf dem Opernball aufzulegen war immer mein großer Traum. Ich finde auch, dass Desirée Treichl-Stürgkh das toll macht, wie sie den Opernball immer mehr modernisiert. Tatsächlich ist sie damals auf mich zugekommen, weil sie mich einmal auflegen gesehen hat. Ich habe ihr im Vorfeld fünf CDs gegeben, damit sie mir sagt, wo es zu heftig wird, aber ihr war keine Nummer zu extrem. Normalerweise mache ich so etwas nicht, aber beim Opernball war mir das Risiko dann doch zu groß. Das Repertoire wird auch heuer wieder bunt durchgemischt sein - von jazzig bis loungig, von Disco bis House.

WI: Mit dem Opernball geht auch eine strenge Kleideretikette einher. Wie passen für Dich Feminismus und schöne Kleider zusammen?
Gabbi Werner: Ich finde, das passt total gut zueinander. Nicht nur weil auch schon das Wort "feminin" drinnen steckt. Obwohl ich in meinem Denken, Handeln und Business in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden möchte, bin ich auch eine Frau. Ich hatte schon immer ein Faible für hübsche Kleider und Nagellack, auch wenn mir das von vielen in der linken Szene, in der ich mich bewegt habe, übel genommen worden ist.
Was mich allerdings sehr stört ist, wenn beispielsweise durch die Medien Druck auf Frauen diesbezüglich ausgeübt wird. Ständig werden bei Politikerinnen Kommentare über ihre Kleider gemacht. So etwas passiert ihren männlichen Kollegen nicht. Vielleicht sollten die Männer einfach mal selber auf ihr Styling schauen und sich nicht dauernd über das ihrer weiblichen Kollegen mokieren. Es ist gut, wenn Frauen sich gut kleiden wollen, wenn daran ein Werturteil geknüpft wird, finde ich es allerdings schlecht.


DJ Gabbi Werner
DJ Gabbi Werner


WI: Noch immer gibt es mehr Männer als Frauen im DJ Business? Woran, glaubst Du, liegt das und gibt es noch immer Vorurteile gegenüber Frauen an den Turntables? 
Gabbi Werner: Auf jeden Fall. Obwohl ich in Österreich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Ich glaube, ich habe nur einmal von einem Mann gehört, dass ich all diese Jobs bekomme, weil ich eine hübsche Frau bin. Tatsächlich würde ich diese guten Jobs aber nicht bekommen, wenn ich ein furchtbarer DJ wäre. Obwohl es leider schon auch diese Modepüppchen gibt, die dann DJ werden, das sind dann meiner Meinung nach diese DJanes. Ich mag den Begriff DJane nicht. Ich sehe mich als DJ. So wie ich Regisseur in Holland war. Warum so wenige DJs weiblich sind, weiß ich nicht. Beim Film ist es so, je technischer die Sachen werden, desto weniger Frauen findet man. Vielleicht wird mit der digitalen Revolution da endlich etwas aufgebrochen. Generell finde ich, wenn man etwas tun will, sollte man es tun, hart arbeiten und sich nicht von irgendeiner angeblich männlichen Domäne abschrecken lassen. Ich sehe, was das Auflegen angeht, keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.


Info:
Im Anschluss für alle, die neugierig geworden sind und die sich keine Karte zum Opernball am 11. Februar 2010 leisten können oder wollen, ein paar Tipps, wo Gabbi Werner aka First Lady obt noch zu hören ist:

Motto (Daten siehe Homepage) www.motto.at
Club New Amsterdam / Volkstheater, Rote Bar: www.diehollanderkomme.com
d.a.s. hungerberg www.hungerberg.at

(sasch)
erstellt am: 2010-01-27