Reich
 WR und Studenten

Von Politik, Orgasmen und Orgonen


Noch bis Anfang März zeigt das Jüdische Museum die Ausstellung „Wilhelm Reich Sex! Pol! Energy!“ vom Mann, der auszog, um den Orgasmus zu erforschen und dabei die Lebensenergie entdeckte. Ein musealer Rundgang durch die Geschichte eines Lebens - vom Freund und Kollegen Freuds über Wetter- und Ufo-Forschung bis hin zum einsamen Tod in einem amerikanischen Gefängnis.

Sexuelle Aufklärung der Massen
„Das Unternehmen, das ich wagte, war toll, konnte nur entweder von einem Größenwahnsinnigen oder einem naiv und ehrlich in dieser dreckigen Welt herumtapsenden Kind begonnen werden. Genial war es keineswegs und auch nicht mutig.“ In dieser Weise äußert sich Wilhelm Reich in „Jenseits der Psychologie. Briefe und Tagebücher 1934 - 1939“ zu dem von ihm gegründeten Sexpol-Verlag in Berlin. Tatsächlich versuchte Reich mit dieser sexualpolitischen Plattform nichts Geringeres als eine Synthese aus Marxismus und Psychoanalyse - und er eckt an, wie so oft in seinem Leben, das sich stellenweise ausnimmt wie aus der Feder eines Science Fiction Autors stammend.

Die Reise beginnt
Seinen Anfang nahm die abenteuerliche Lebensgeschichte von Wilhelm Reich 1897 in Galizien als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers. Nach dem Suizid seiner Mutter und dem frühen Tod seines Vaters trat Reich der k.u.k. Armee bei und landete schließlich 1918 in Wien, wo er Medizin zu studieren begann. Auf die Psychoanalyse aufmerksam wurde er - wie könnte es anders sein - durch Sigmund Freud. Früh galt sein Interesse Freuds Libidotheorie, die er weiter zur Orgasmustheorie ausbaut.

Reich war der Meinung, dass ein erfülltes Sexualleben zum Abbau der gestauten Energie führen könne und so letztendlich zur Heilung von neurotischen Störungen. Auch erkannte er durch seine Arbeit am Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose das massenhafte Vorkommen von Neurosen als soziales Problem. Reich engagiert sich in der Sozialdemokratischen Partei, wendet sich aber immer mehr dem Kommunismus zu.


Im Labor
 Labormitarbeiter


Nach dem Ausschluss aus der Sozialdemokratischen Partei geht Reich nach Berlin, wo er den Sexpol Verlag und ein Jahr später den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik als Unterorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands gründet, der etwa ein Jahr später von der Parteiführung liquidiert wird. Nach dem Erscheinen von „Die Massenpsychologie des Faschismus“ wird Reich auch aus der KPD ausgeschlossen.

Reich geht nach Dänemark, zieht weiter nach Schweden, um schließlich nach Monaten der Wanderschaft in Oslo (Norwegen) zu landen. 1934 wird Reich zudem aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen – die Gründe dafür sind bis heute nicht geklärt.

Auf dem Weg zur Orgontherapie
In Reichs Jahre in Norwegen fallen die ersten Versuche zur Elektrophysiologie von Sexualität und Angst. Er entdeckt die Bione - eine Art Bläschen, die Übergangsstadien zwischen Anorganischem und Organischem darstellen - und beginnt mit seinen Krebsforschungen. Im August 39 emigriert er nach Amerika, wo er schließlich die Orgonenergie entdeckt.

Als Orgon versteht Reich eine überall vorhandene Hintergrundstrahlung. Er baut eigene Akkumulatoren, um diese Strahlung beispielsweise zur Heilung von Krebs zu nutzen. Ein Versuch mit radioaktivem Material, das er versucht, durch die Lebensenergie Orgon zu neutralisieren, endet verheerend. Zahlreiche Versuchstiere und MitarbeiterInnen erkranken schwer. Reich wähnt sich zunehmend einer journalistischen Propaganda-Kampagne ausgesetzt. Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) wird auf ihn aufmerksam. 1957 stirbt Reich im Gefängnis. Grund der Strafe war die Mißachtung Reichs über das Verbot der Verwendung seiner Orgon-Akkumulatoren.

Vater der sexuellen Revolution
Nach den anfänglichen Jahren als Wunderkind in Wien und zwischenzeitlichen Forschungserfolgen wurde Reich vor allem nach seinem Tod durch die 68er Generation als wichtige Forscher-Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts anerkannt. Getrost kann man von Reich als Vater der sexuellen Revolution sprechen, der es wagte, in Zeiten der Prüderie für die Wichtigkeit der sexuellen Aufklärung einzutreten. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Theorien mag vielleicht immer noch nicht im angemessenen Rahmen stattgefunden haben, verschiedene Künstler jedoch haben sich seiner Person und seines Werkes längst bedient.


Akkumulator
Reich- Funktion des Orgasmus


Die Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt bis dato noch nie gezeigte Dokumente, Filme und Fotografien. Besonders interessant sind die Briefwechsel mit Sigmund Freud oder Albert Einstein, den Reich bat, das Orgon einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Das Urteil war für Reich im übrigen verheerend. Zu sehen sind außerdem ein Original Orgon-Akkumulator von der Art, in dem schon der amerikanische Schriftsteller und Vater der Beat-Generation Wiliam S. Burroughs gerne zu sitzen pflegte sowie weitere seltsam anmutende Geräte.


Information:
Wilhelm Reich Sex! Pol! Energy!
16.11.2007 – 9.3.2008

Jüdisches Museum Wien
Dorotheergasse 11, 1010 Wien
www.jmw.at

Tel.: +43 1 535 04 31 410
Öffnungszeiten:
So. - Fr.: 10.00 bis 18.00 Uhr


Buchtipp:
buchtipp

Reich, Peter: Der Traumvater. Meine Erinnerungen an Wilhelm Reich. Simon + Leutner 2005. Seiten 219.  ISBN-10: 3934391303. Euro 14,80.
(sasch)
erstellt am: 2007-12-20