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Tschechien will Land der EU-Spitzenforschung werden


In Tschechien sollen in den kommenden Jahren mehrere Zentren der Spitzenforschung entstehen. Im EU-Jargon heißen sie "European Centres of Excellence". Medien schreiben von einem tschechischen "Silicon Valley". Geplant sind Milliardenvorhaben. Sie verzögern sich derzeit wegen administrativer Probleme und einem eklatanten Mangel an IT-Fachkräften am Arbeitsmarkt in Tschechien.

Mindestens fünf Zentren der Spitzenforschung geplant
Die tschechische Regierung und die Akademie der Wissenschaften in Prag planen zumindest fünf dieser "Zentren der Exzellenz". Diese Forschungsstätten sollen Wissenschaftern die Möglichkeit bieten, an Spitzenprojekten zu forschen und ihre Ergebnisse auch so schnell wie möglich wirtschaftlich in die Praxis umzusetzen. Die Zentren der Exzellenz sind Teil der EU-Strategie, den "alten Kontinent" gegenüber den USA und Asien konkurrenzfähig zu machen.

Ziel: durch EU-Milliarden Wissen zu Geld machen
Die geplanten Zentren sollen mit Hilfe von EU-Geldern entstehen, die bald im Rahmen des Operationsprogramms "Wissenschaft und Forschung" ins Land fließen könnten. Insgesamt umfasst das Vorhaben ein Volumen von 60 Mrd. CZK (2,31 Mrd. EUR), von denen ein Drittel in Forschungseinrichtungen gehen soll. Einer der Slogans bei der Ausarbeitung der dazugehörigen Strategie lautet: "Wissenschaft verwandelt Geld in Wissen, Innovation verwandelt Wissen in Geld". Eine Neupositionierung der tschechischen Wirtschaft mit Hilfe von Zentren der Exzellenz könne auch zur Sicherung des Wirtschaftswachstums beitragen.

"Silicon Valley" an der Autobahn
Als Modellprojekt kann das geplante Zentrum für Biotechnologie und Biomedizin gewertet werden, dass die Akademie der Wissenschaften im Dorf Vestec an der Prager Stadtgrenze errichten will. Innerhalb von fünf Jahren soll dort auf fünf Hektar "aus dem Nichts" eine Forschungsstätte für mehr als 400 Angestellte entstehen. Das Zentrum, das aus mehreren Spitzenlaboratorien bestehen wird, soll vor allem neue Materialien wie z.B. künstliche Knochen für die Medizin entwickeln. Zentral ist dabei die Vernetzung mit benachbarten Firmen, wie etwa "Exbio", die im Bereich Humanmedizin und -technologie tätig ist. Teil des Komplexes in Vestec sollen auch Hochschulsäle und Wohnungen für Forscher sein. Die Kosten für das Projekt werden auf 2 Mrd. CZK (77 Mio. EUR) geschätzt und sollen teilweise aus EU-Mitteln finanziert werden.

Auch in Prag selbst plant die Akademie der Wissenschaften ein Spitzenzentrum für Forschung, das sich auf angewandte Wissenschaft spezialisieren soll, in diesem Fall im Bereich Chemie und Physik. Die Projektkosten belaufen sich auf 750 Mio. CZK (28,8 Mio. EUR), wobei zwei Drittel der Kosten für den Ankauf von Instrumenten bestimmt sind. Die Forschungsstätte soll in Kooperation mit der Prager Technischen Hochschule betrieben werden.


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Abseits der Hauptstadt wird in Brünn mit der Errichtung eines so genannten "Mitteleuropäischen Instituts für Technologie" gerechnet, dessen Entstehung bis zu 10 Mrd. CZK (385 Mio. EUR) kosten könnte. Die Projektmitglieder sind dort neben der Akademie der Wissenschaften auch die Masaryk-Universität Brünn und die Brünner Technische Universität. Mit Hilfe supermoderner Instrumente sollen Ergebnisse in der Molekular- und Zellforschung erreicht werden. Auch dort soll eine Anbindung an benachbarte Firmen erreicht werden, wie etwa an die geplante Brünner Filiale der US-amerikansichen Mayo Clinic.

Bürokratie als Hürde
Zu den beinahe 200 angemeldeten Projekten zählen weiters ein geplanter Teilchenbeschleuniger in Brünn und ein Zentrum für Optikforschung in Pardubice. Im Endeffekt sollen etwa fünf der eingereichten Projekte realisiert werden, wobei im Herbst eine internationale Kommission entscheiden soll, wohin die Gelder aus dem Operationsprogramm fließen werden. Das Programm selbst ist aber bereits verspätet in Brüssel eingereicht worden, weshalb unter anderem im Vorjahr die zuständige Unterrichtsministerin Dana Kuchtová zurücktreten musste. Ihr Nachfolger Ondrej Liška erklärte nach Amtsantritt im Dezember, er wolle das Vorhaben zu seiner Toppriorität machen.

Derzeit scheitert das Vorhaben allerdings am Mangel an Experten in den Ministerien selbst. Der Grund dafür liegt auf der Hand: der tschechische Staat bietet seinen Beamten nur etwa 18.000 CZK (692 EUR) als Einstiegsgehalt, was weit unter dem Durchschnittseinkommen liegt. Junge AkademikerInnen, die sich mit EU-Programmen und Wissenschaft beschäftigen, können aber jederzeit um beinahe das Doppelte in die Privatwirtschaft gehen.

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Ein weiteres Problem könnte der Mangel an IT-Kräften und anderen Facharbeiten sein, den derzeit der tschechische Arbeitsmarkt stark spürt. In Tschechien schließen jedes Jahr nur etwa halb so viele IT-Experten ihre Ausbildung ab, wie die Branche brauchen würde. Dies könnte vor allem das Vorhaben lähmen, die Ergebnisse der Forschung in die Praxis umzusetzen. "Bislang enden die Ergebnisse der tschechischen Forschung oftmals nur bei Patenten", meinte auch der Präsident der Tschechischen Akademie der Wissenschaften Václav Pačes gegenüber der Zeitung Hospodárské noviny.

Trotz des Mangels an IT-Kräften ist die Computer- und Softwarebranche in Tschechien am Boomen, was auch die Entscheidung internationaler Firmen wie Skype oder Opera unterstreicht, die ihre Entwicklungs- und Programmierzentralen nach Prag verlagert haben.

 
Link-Tipp
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Unterrichtsministerium
(jkr)
erstellt am: 2008-02-19