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Vienna´s weekly European journal

Von Grünoasen und Totenruh´

Archivierter Artikel vom: 
Dienstag, März 27, 2012

Serie: 23 Mal Wien

Von Grünoasen und Totenruh´

1: Schnellbahnstation Hernals

Thema unserer Bezirksreihe ist diesmal Hernals, der 17. Wiener Gemeindebezirk. Er macht nicht unbedingt mit spektakulären urbanen Ereignissen auf sich aufmerksam, dafür hat er Erholungssuchenden umso mehr zu bieten.

Wer an Hernals denkt, hat vielleicht vor allem jenen Teil des Bezirks vor Augen, der direkt an den äußeren Rand des Westgürtels anknüpft. Ein dicht bebautes Gebiet, das abgesehen von der Hauptverkehrsader Hernalser Hauptstraße vorwiegend durch kleinere, gründerzeitliche Wohnstraßen geprägt ist. Doch je weiter man sich Richtung Westen bewegt, desto breiter und großzügiger werden die Straßen, niedriger die Häuser und grüner die Umgebung – bis man schließlich im Wienerwald landet. Umso weniger erstaunlich ist es, dass Hernals mit knapp 60 Prozent Grünflächen Wiens drittgrünster Bezirk ist. Der Großteil der Grünflächen entfällt heute auf bewaldetes Gebiet und Wiesen, vom einstmals für die Gegend so bedeutenden Weinbau ist nur mehr eine Restfläche am Kleinen Schafberg vorhanden. 

Immerhin weist das Bezirkswappen heute noch auf den historischen Stellenwert des Weinbaus hin: durch die Dreiteilung mit Trauben, Schlüsseln und Häuschen am Weg werden die bis 1892 selbständigen Gemeinden Hernals, Dornbach und Neuwaldegg symbolisiert.


2: Schloss Neuwaldegg

Im Schloss Neuwaldegg wird heute wie damals gefeiert



Eine weitere geografische Gegebenheit des Bezirks, die sich über die Geschichte erschließt, ist die nur mehr an wenigen Stellen sichtbare Als. Mit ihren rund zehn Kilometern ist sie nach dem Wienfluss der zweitlängste Bach, der aus dem Wienerwald in die Donau fließt. Der Großteil des Verlaufs wurde kanalisiert. Für den Bezirk war die Als jedoch Namen gebend: "Hernals" leitet sich von einem Rittergeschlecht ab, den "Herren von Als".

Zurück zur Natur

Von der Endstelle der Straßenbahnlinie 43 aus kann man ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen unternehmen. Die Station Neuwaldegg ist Ausgangspunkt für den Stadtwanderweg 3, der über den Schwarzenbergpark zu Hameau und Dreimarkstein führt. Der Schwarzenbergpark gilt als der älteste Landschaftsgarten in Österreich. Er umfasst ca. 80 Hektar und geht in den Wienerwald über. Früher gehörte er zum Barockschloss Neuwaldegg, wurde aber 1985 von der Stadt Wien übernommen und als Naherholungsgebiet öffentlich zugänglich gemacht. Das Grabmal des irischen Grafen Lacy, seines Zeichens Feldmarschall unter Maria Theresia und später Berater von Josef II., erinnert an ihn als einen der ehemaligen Schlossherren. Spätere Eigentümer waren die Familie Schwarzenberg und die Erzdiözese Wien. Heute finden im Schloss unter anderem Seminare, Hochzeiten und Filmaufnahmen statt.

Ein weiteres beliebtes Ausflugsziel ist der Hanslteich, der, gespeist vom Alserbach, um 1920 für die Eisgewinnung angelegt wurde. Für ein sommerliches Picknick bieten sich die vielen Wiesen der Umgebung an wie beispielsweise die Mars-, Beindrechsler- oder Jägerwiese.


3: Jörgerbad Schwimmhalle
4: Stadtwanderweg

Bewegung im kühlen Nass im Jörgerbad (li.) oder outdoor im Wienerwald (re.)

Sportlich in Hernals

Aber nicht nur Laufen, Wandern und Spazierengehen ist in Hernals angesagt. Mit dem Jörgerbad verfügt der Bezirk über eines der schönsten Jugendstilbäder der Stadt. Mit einem kleinen Freiluftbecken hat das Jörgerbad auch eines der zentralsten Sommerbäder. Allerdings kann es hier auch schnell eng werden. Sehr idyllisch badet man im privat geführten Neuwaldegger Bad, das einen Hauch von Nostalgie versprüht.

Ein Hernalser Wahrzeichen ist der Wiener Sport-Club Platz zwischen Hernalser Hauptstraße und Alszeile. Der gleichnamige Verein, der älteste Sportverein des Landes, wurde 1883 als "Wiener Cyclisten Club" gegründet. Ihre beste Zeit erlebte die Radsportsektion in den Jahren zwischen 1926 und dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Krieg dauerte es allerdings rund 50 Jahre, bis sich eine neue Radsektion formierte. Derzeit am erfolgreichsten ist die Sektion Fechten, die sogar österreichischer Rekordmeister ist. Fußball gespielt wird am Sport-Club Platz heute vom Wiener Sportklub. WSC und WSK sind einerseits miteinander verflochten, andererseits herrschen nicht leicht zu durchschauende Animositäten, die den Fußballgenuss jedoch nicht schmälern. Tatsache ist jedenfalls, dass das Stadion dringend Gelder für eine Renovierung braucht und dass der Hernalser Fußball mit den "FreundInnen der Friedhofstribüne" einen der sympathischsten Fanclubs der Welt hat.

Etwa 800 Meter vom Stadion entfernt wird ebenfalls Fußball gespielt. Der Postsport Verein Wien hat auf seinem 100.000 Quadratmeter großen Gelände aber nicht nur Platz für Fußball, sondern auch für Tennis, Squash, Beachvolleyball, Minigolf und andere Ballsportarten. Ans nördliche Ende des Areals grenzt zudem die Brunswickhalle, in der sich Bowling-Begeisterte treffen.
Und selbst für Freundinnen und Freunde des Wintersports hat Hernals etwas zu bieten: die Kunsteislaufbahn Engelmann befindet sich am Dach eines Parkhauses, wo man trotz Bodenhaftung dem Himmel näher kommt.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Zu Zeiten der Industrialisierung gab es in Hernals nicht nur zahlreiche Gaststätten, sondern auch Betriebe der Nahrungsmittelindustrie. Fast alle sind verschwunden. Einer jedoch ist präsent wie eh und je: die Firma Manner, mit etwa 750 MitarbeiterInnen in drei Werken (über 400 davon im Hernalser Hauptwerk), damit auch größter Arbeitsgeber im Bezirk. Die mit Haselnusscreme gefüllten Schnitten kennt und schätzt man rund um den Globus. Kein Wunder – hat man die markante kleine rosarote Packung mit der blauen Aufschrift doch auch schon in so mancher Hollywoodproduktion gesichtet.

Dass man im Grand Etablissement Gschwandner seinerzeit vielleicht auch schon Manner-Schnitten geknabbert hat, können wir hier nur vermuten. Tatsache ist, dass in der Lokalität einst Unterhaltungen aller Art stattgefunden haben, sie dann in einen Dornröschenschlaf verfiel und nun revitalisiert werden soll. Als kultureller Hot Spot soll das Gschwandner schon bald über die Bezirksgrenzen hinaus wieder bekannt sein. Bis dahin müssen sich die HernalserInnen aber noch in den bereits etablierten Kabarett- und Kleinkunst-Häusern Metropol und Kulisse vergnügen. Jüngere haben im Bezirk ihren Treffpunkt im Café Jetzt, das man am treffendsten als Studentenbeisl oder Musiklokal beschreiben kann.

Eine vergnügliche Erfindung, die von ihrem Geburtsort Hernals ausgehend die Welt erobert hat, muss hier natürlich auch erwähnt werden: die Schneekugel. Fans der zauberhaften Glaskugel sollten dem Schneekugel Museum unbedingt einen Besuch abstatten, denn hier erfährt man alles über das Original.


5: Mannerschnitten-Packerl

Manner mag man eben ...

Letzte Ruhestätte

Nebeneinander liegen an der Alszeile gleich zwei Friedhöfe: der größere Hernalser und westlich davon der kleinere Dornbacher. Wie alle Friedhöfe sind auch diese beiden Orte der Ruhe und Besinnung, besonders ist allerdings die Hanglage, die SpaziergängerInnen und vielleicht ja auch den hier ruhenden Toten einen Ausblick auf die Stadt eröffnet. Zu lange sollte man sich hier als Lebende/r aber nicht aufhalten – zumindest wenn es nach dem Volksdichter Ferdinand Sauter geht, der 50-jährig an Cholera verstarb und am Hernalser Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Die letzten Zeilen der von ihm selbst verfassten Grabininschrift beweisen Humor: "... Darum Wand´rer zieh´ doch weiter – denn Verwesung stimmt nicht heiter."









 

hr