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Vienna´s weekly European journal

Wien wächst

Wien bei Nacht
Stadtentwicklung

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Wien wächst

Die städtebauliche Entwicklung als Dokument der europäischen Geschichte

Die Gründung von Siedlungen wurde möglich, als vor Jahrtausenden Nomaden den Gebrauch von Saatgut entdeckten und sesshaft wurden. Siedlungen konnten zu Markt- und Handelsplätzen werden, wenn sie verkehrsgünstig lagen. Auch sozioökonomische und politisch-rechtliche Rahmenbedingungen waren entscheidend für die Entwicklung zur Stadt.

Die Bevölkerungsentwicklung Wiens

Eine kontinuierliche Besiedlung von Teilen des Wiener Stadtgebiets ist den archäologischen Befunden zufolge seit der Jungsteinzeit gegeben; bis in die La-Tene-Zeit waren es dörfliche Gemeinschaften mit einigen hundert Einwohnern. Mit der Errichtung des Legionslagers Vindobona durch die Römer begann eine erste Phase intensiver Bevölkerungskonzentration im Wiener Raum – vermutlich lebten etwa 30.000 bis 40.000 Menschen zur Blütezeit im Lager bzw. in der Zivilstadt.

Die Preisgabe des Donaulimes und der Abzug der Römer Ende des 4. Jahrhunderts leiteten einen deutlichen Bevölkerungsrückgang ein. Mit dem Beginn der bayerischen Ostkolonisation im 9. Jahrhundert könnte die Einwohnerzahl allmählich wieder zugenommen haben. Nach dem Rückschlag durch die Ungarnherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert brachte der Beschluss Heinrichs II. Jasomirgott, in Wien seinen Hof zu errichten, die Wende: Das Machtzentrum der Babenbergerherzöge entwickelte sich zu einer ansehnlichen mittelalterlichen Stadt, deren Einwohnerzahl von ca. 12.000 in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf etwa 40.000 Menschen im 14. Jahrhundert anstieg. Einen gravierenden Einschnitt bedeutete die Pestepidemie von 1349, die angeblich kaum ein Drittel der Bevölkerung verschonte.

1525 wütete ein Großbrand, dem 416 Häuser, ca. 40 Prozent des gesamten Baubestandes, zum Opfer fielen; 1541 meldete sich der Schwarze Tod zurück – die Quellen sprechen von einem Rückgang der EinwohnerInnenzahl um ca. ein Drittel. Anno 1566 fand die erste genaue Häuserzählung in Wien statt: Es gab 1.065 Häuser, davon sogar 390 einstöckige. Trotz immer wiederkehrender Seuchen stieg die Einwohnerzahl bis zum Endes des 17. Jahrhunderts weiter an; um 1700 hatte Wien bereits über 100.000 Einwohner und war damit die sechstgrößte Stadt Europas.

Wien, Kupferstich 1740

Die erste Volkszählung fand in Wien 1754 auf Wunsch von Maria Theresia statt; die „Seelenkonsignation“ erfasste zu diesem Zeitpunkt 175.000 EinwohnerInnen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verstärkte sich die Zuwanderung. Nach der Stadterweiterung von 1850 hatte Wien 431.000 EinwohnerInnen.

In den folgenden Jahrzehnten stieg die EinwohnerInnenzahl in enorm hohem Tempo weiter an, 1870 hatte sie sich bereits verdoppelt, 1880 zählte man auf dem Gebiet der Stadt Wien 1.163.000 EinwohnerInnen. Im Jahre 1900 beherbergte die Metropole des Habsburgerreichs auch durch die Eingemeindung der Vororte exakt 1.674.957 EinwohnerInnen.

Auch nach der Jahrhundertwende hielt der Zuwanderungsstrom aus den Kronländern an und 1910 erreichte die Einwohnerzahl Wiens schließlich ihren historischen Höchststand: 2,083 Millionen Menschen wurden gezählt.

Die Verluste an den Fronten des Ersten Weltkriegs 1914–1918, Hunger und Seuchen ließen die Bevölkerungszahl zu Beginn der 1920er Jahre wieder unter 2 Millionen sinken. In der Folge blieb sie aufgrund der angespannten wirtschaftlichen und politischen Situation bis zum „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich leicht rückläufig. Die Emigration vieler jüdischer und politisch exponierter Bürger führte 1938/1939 zu einem ersten empfindlichen Bevölkerungsrückgang auf 1,77 Millionen Menschen. Die Gräueltaten des NS-Regimes – vor allem die Massenermordung der jüdischen Bevölkerung – und der Zweite Weltkrieg sollten bis 1945 Zehntausende von Wienerinnen und Wienern das Leben kosten. 1951 ergab die erste Volkszählung nach Kriegsende 1.616.125 Einwohner/innen. Eine geringe Geburtenrate und die stetige Abwanderung aus den „inneren“ Bezirken führten trotz der letzten Stadterweiterung 1954 auf 414,95 km2 dazu, dass bei der Volkszählung von 1981 mit 1.531.346 Einwohner/innen der Tiefstand des 20. Jahrhunderts erreicht wurde.

Die Trendwende brachten zwei politische Ereignisse, die die Situation in Ost- und Südosteuropa von Grund auf veränderten: Das Aufbrechen des „Eisernen Vorhangs“ und der Zerfall Jugoslawiens bewirkten eine verstärkte Zuwanderung aus den „Reformländern“ bzw. ein Anschwellen des Flüchtlingsstroms aus den Kriegsgebieten am Balkan; dazu kam seit 1991 ein leichter Anstieg der Geburtenrate. 1993 wies Wien 1.642.391 Einwohner/innen auf, davon waren 309.349 als „Ausländer“ bzw. Konventionsflüchtlinge registriert. Viele von ihnen sind inzwischen in die Wiener Arbeitswelt integriert und tragen ihren Teil zum Gedeihen der Stadt bei. Wieder einmal zeigt sich, dass Phasen kontinuierlichen Wachstums und positiver Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in wesentlichem Maß von den „Ausländern“ mitgetragen werden.

Wien wächst – Auf dem Weg zur Zwei-Millionen-Metropole

Im Gegensatz zu heute soll Wien laut statistischen Prognosen langfristig zum demografisch jüngsten Bundesland werden. Wien könnte im Jahr 2029 bereits die 2-Millionen-EinwohnerInnen-Grenze erreicht haben. Die Gründe für diese Entwicklung sind der wachsende Zuzug - jede/r dritte Wiener/in hat Migrationshintergrund -, ein leichter Geburtenzuwachs, aber auch die steigende Lebenserwartung. Auswirkungen dieses Trends sind auf alle kommunal relevanten Themen zu erwarten, wie Wohnbau, Gesundheitswesen, Bildung und Wirtschaft.

Jede/r dritte Wiener/in zugewandert

Die meisten Neu-Bürger/innen leben in Wien. Beinahe jeder Dritte in der Bundeshauptstadt stammt aus einem Zuwanderermilieu. Wien hat 1.761.738 EinwohnerInnen, 629.541davon haben Migrationshintergrund. Von ihnen stammen 192.599 aus dem EU-Raum mit den Deutschen (51.561) als größte Gruppe, 179.870 aus dem ehemaligen Jugoslawien (exklusive Slowenien) und 75.694 Personen aus der Türkei (Stand 2014, www.wien.gv.at/statistik).

Geschichte prägt die Stadt

Wien zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Geschichte in der Architektur der Stadt in außerordentlich hohem Maß widerspiegelt. Die städtebauliche Entwicklung dokumentiert nicht zuletzt die Meilensteine der europäischen Geschichte. Dieser zeitliche Bogen spannt sich vom Mittelalter mit den gotischen Kathedralen über die Symbole der weltlichen Macht im Zeitalter der Renaissance und des Barocks bis zum dominierenden Stadtbild der Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts.

1857 wurde beschlossen, die Basteien, die die Innere Stadt umgaben, abzureißen. Diese Entscheidung beeinflusst die Stadtstruktur bis heute nachhaltig.

An Stelle der weiten Wiesen um den Kranz der Stadtmauern trat die Ringstraße, mit der sich die Monarchie ein bis heute weltberühmtes Denkmal setzte.
 
Der Blick in die städtebauliche Vergangenheit einer Stadt ist notwendig, denn das Kennen der eigenen Historie ist erforderlich, um Entscheidungen in der Gegenwart bewusst treffen zu können; Entscheidungen, die nachhaltige Auswirkungen auf das gesamte städtische Geschehen der nächsten Generationen mit sich bringen.

In Wien befinden sich Stätten des von der UNESCO anerkannten Weltkulturerbes. Die Stadt steht daher vor der Herausforderung, einerseits das historische Bauerbe zu bewahren, andererseits im Sinne einer modernen Stadt eine moderate innerstädtische Stadtentwicklung und zukunftsweisende Architektur zuzulassen.

Die beiden imposanten Museen am Maria-Theresien-Platz wurden Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet

Neue Situation – neue Strategie

Für Wien ergab sich mit Anfang der 1990er Jahre eine kaum mehr erwartete neue Situation, mit der sich die Stadtplanung konfrontiert sah. Nach Jahrzehnten einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung, die sich gemäß dem Stadtentwicklungsplan 1984 in Prognosen mit einer Bevölkerungszahl von ca. 1,4 Mio. EinwohnerInnen für das Jahr 2001 niederschlug, mussten diese Prognosen Anfang der 90er Jahre entscheidend revidiert werden. Entsprechend der aktuellen Bevölkerungsstatistik beträgt die EinwohnerInnenzahl Wiens heute über 1,77 Mio (Stand 1.1.2014, Quelle: Statistik Austria). Die Gründe für den rasanten Bevölkerungsanstieg liegen in einer positiven Bevölkerungsbilanz und einer verstärkten Zuwanderung.

Der Fall des Eisernen Vorhanges im Herbst 1989 und die damit verbundene neue geopolitische Lage Wiens sowie der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union mit Beginn des Jahres 1995 trugen neben dem Bevölkerungsanstieg wesentlich zu einem Entwicklungsschub Wiens bei, der sich auch in der steigenden Nachfrage nach Wohnraum und Arbeitsplätzen zeigte. Die gestiegenen Qualitätsanforderungen an den Wohnraum sowie der verstärkte Nachfragetrend u. a. durch die Zunahme der (Single-)Haushalte waren weitere Gründe für das gesteigerte Bedürfnis nach geförderten Neubauwohnungen seit Beginn der 90er Jahre.

Diese für Wien geänderten Rahmenbedingungen führten zu Beginn der 90er Jahre zum Beschluss der Wiener Stadtregierung, den geförderten Wohnungsneubau auf 10.000 jährlich anzuheben. Dies erforderte eine Überarbeitung des Wiener Stadtentwicklungsplans (STEP) aus dem Jahre 1984, in dem das Hauptaugenmerk der Stadtentwicklungspolitik noch auf die Erneuerung und Anhebung der Lebensqualität in den dicht bebauten Stadtbezirken gerichtet worden war.

STEP 94 gibt Richtung vor

Die „Leitlinien für die Stadtentwicklung Wiens“ wurden 1991 neu konzipiert.

Ein neues Wiener Verkehrskonzept wurde ausgearbeitet und gemeinsam mit dem neu erstellten Stadtentwicklungsplan 1994 im Gemeinderat angenommen.

Die Stadt Wien setzte sich zum Ziel, den Modal Split (die Verkehrsaufteilung zwischen motorisiertem Individualverkehr, öffentlichem Verkehr, Radfahren und Zufußgehen) im täglichen Berufsverkehr zu Gunsten der Verkehrsarten des Umweltverbundes, in dem der öffentliche Verkehr, der Fußgänger- und der Radfahrverkehr zusammengefasst werden, zu erhöhen.

Schlendernde Menschen in Füßgängerzone

Die Mariahilferstraße wurde 2014 zur Fußgängerzone

Mit dem STEP 94 wurde das Ziel verfolgt, den Stadtumbau in den dicht bebauten Bezirken Wiens weiter voranzutreiben, außerdem sollte die Wohnungsnachfrage durch gestalterisch qualitätsvolle und infrastrukturell voll ausgestattete Projekte, möglichst mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr, in den Stadterweiterungsgebieten abgedeckt werden. Wesentlicher Eckpfeiler der Wiener Stadtentwicklungsphilosophie ist die sanfte Stadterneuerung in den dicht bebauten Stadtgebieten, Renovierungen und Hofentkernungen stehen dabei im Vordergrund.

Eine wesentliche Maßnahme zur Qualitätssteigerung in Architekturbelangen ist die Durchführung von Architektur- und Städtebauwettbewerben im öffentlichen Bereich. Davon ist neben dem sozial geförderten Wohnbau vor allem der Bereich der sozialen Infrastruktur – wie Schulen und Kindergärten – betroffen.

Ein weiterer wesentlicher Eckpunkt des Wiener Stadtentwicklungsplans ist der Erhalt der großen zusammenhängenden Grünflächen. 51 Prozent des Wiener Stadtgebietes sind Grünflächen und diese sollen auch für zukünftige Generationen bewahrt werden.

Boom bei Büroflächen

Die Nachfrage nach Büroflächen hat sich auf Grund der Expansion zahlreicher großer Unternehmen und der zunehmenden Bedeutung Wiens als Standort für die Osteuropazentralen internationaler Firmen enorm dynamisiert. Die Schwerpunkte liegen im Süden Wiens sowie entlang der U-Bahnlinien.

Skyline Luftbild Wien Donaucity

Die Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum (WED) schuf mit dem Bau der "Donauplatte" eine Vergrößerung des Areals

Bürgerbeteiligung in der planenden Verwaltung

Die Bürgerbeteiligung – ein Begriff, der Anfang der 1970er Jahre in Wien noch nicht zum Vokabular eines Stadtplaners zählte – gewann in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung und ist mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil eines jeden größeren Stadtentwicklungsvorhabens.

Der traditionelle Regelkreis der Stadtplanung von Investoren, Verwaltung und Politik wurde aufgebrochen und um Bürger/innen und Betroffene erweitert.

Planungen in Wien mit Elementen der Bürgermitsprache:

Beispiel Donauinselplanung
Die Donauinselplanung Anfang der 70er Jahre legte einen Grundstein für offene Planungsabläufe bei Wiener Großprojekten. Die Einbeziehung der Bürger beschränkte sich jedoch im Wesentlichen auf breit angelegte Information. Geplant wurde von verwaltungsinternen und -externen Planern. Bemerkenswert daran war, dass eine ursprünglich ausschließlich als Hochwasserschutz konzipierte Maßnahme zum größten Erholungsprojekt Wiens transformiert wurde. Entlang der 25 Kilometer der so genannten Neuen Donau, die Badewasserqualität hat, werden an Spitzentagen bis zu 300.000 Besucher/innen gezählt.
 
Gebietsbetreuung und partielle Stadterneuerung
Modellcharakter hat sicherlich die Anfang der 1970er Jahre begonnene Einrichtung von so genannten Gebietsbetreuungslokalen. Die Gebietsbetreuungslokale in den dichten gründerzeitlichen Wohngebieten stellen das Verbindungsglied zwischen Stadtplanung, Haussanierern und betroffener Bevölkerung dar. Parallel dazu wurde das Modell der sanften Stadterneuerung entwickelt, das statt Abriss und Neubau eine möglichst schonende Sanierung der Substanz unter weitestgehender Wahrung der Bewohnerstruktur vorsieht. Im Rahmen der Gebietsbetreuungen können Bürger/innen konkret Ideen und Vorstellungen einbringen, der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig im Servicebereich für BürgerInnen. Die Tätigkeit der Stadtplanung findet in diesem Bereich in enger Verschränkung mit präventiver Sozialarbeit statt. Diese Form der kleinräumigen Einbindung von Bürgerinteressen zählt sicherlich zu den unspektakulären, aber im Endeffekt sehr wirkungsvollen Formen der Bürgerbeteiligung.

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