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Vienna´s weekly European journal

Architektur aus Tirana im Wiener Ringturm

Archivierter Artikel vom: 
Dienstag, August 3, 2010

Architektur aus Tirana im Wiener Ringturm

ABA-Business Center, 2007
Das ABA-Business Center fällt durch seine bunten Farben auf

Mit Albanien setzt die Vienna Insurance Group ihre Entdeckungsreise durch Zentral- und Osteuropa für die Reihe „Architektur im Ringturm“ fort. Kaum eine interessantere Hauptstadt als die albanische hätte gewählt werden können, denn die dramatische Bevölkerungs-explosion und die bauliche Dynamik in Tirana werden im 90 Flugminuten entfernten Wien bisher kaum wahrgenommen. 

„Tirana – Planen Bauen Leben“ heißt die aktuelle Ausstellung im Ringturm, die ein weiteres südliches Stück „terra incognita“ Europas – geografisch nur 20km von der Adriaküste entfernt gelegen – beleuchtet. Die schwer fassbare bauliche Realität Tiranas wird mittels großformatiger Bilder greifbar gemacht. Ein Foto-Essay entlang der Wand vermittelt durch extra angefertigte zeitgenössische Aufnahmen das vielseitige, mediterran-bunte Leben in der Stadt.


Internationale Schule 1970
Architekt Koço Çomi errichtete diese heutige Internationale Schule in den 1970er Jahren. Früher war in dem Gebäude die Schule der Kommunistischen Partei untergebracht


Österreichischer Einfluss
Obwohl Tirana gefühlsmäßig weit von Wien entfernt ist und hierzulande ein dementsprechend geringes Bewusstsein für die dortigen städtebaulichen Entwicklungen herrscht, gibt es bemerkenswerte historische Bezüge zwischen Österreich und Albanien. So gelten die österreichischen Aktivitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch als die ersten städtebaulichen Maßnahmen in Albanien. Nach Ende des Balkankrieges baute die Habsburgermonarchie eine verstärkte militärische und diplomatische Präsenz in Albanien auf und begann vom Norden aus im ganzen Land aktiv zu werden. Insbesondere für Tirana wurde eine Reihe von städteplanerischen Vorarbeiten geleistet, der die Präsenz von österreichischen Architekten bis in die 1930er Jahre folgte. So stammen etwa das 1930 erbaute Offizierskasino im Zentrum der Stadt (heute ein Theater) oder die so genannte amerikanische Schule vom österreichischen Architekten Hans Köhler. Unter kommunistischer Führung entstanden in Tirana unter anderem das Opernhaus und das Nationalmuseum. Eine albanische Architekturszene, wie wir sie in Wien kennen, existierte lange Zeit nicht. Schon alleine deshalb, weil es keine technische Universität gab. Die erste Universität in Albanien wurde 1957 gegründet, davor studierten einige albanische Architekten in Österreich, vorzugsweise in Graz.

Von der Anti-Urbanisierung zum „wilden Städtebau“
Albanien betrieb bis in die späten 1980er Jahre eine strikte Anti-Urbanisierungspolitik. Immerhin bestand die Gesellschaft zu 35 Prozent aus Bauern. Innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte veränderte sich die Lage drastisch. Von 3 Millionen EinwohnerInnen in Albanien leben heute über eine Million in Tirana, und die Migration in die Stadt hält weiter an. Eine diktatorisch strikt geplante Gesellschaft explodierte plötzlich und es entstand eine Mentalität, in der kein Platz für Planung mehr war. Dadurch schossen im ganzen Land mehr als 500.000 illegale Eigenheime und Geschäfte aus dem Boden. Aus der bescheidenen Bautätigkeit während der Diktatur wurde nach der Wende ein „wilder Städtebau“ auf Grundstücken mit unklaren Besitzverhältnissen, ohne Wasser-, Kanal- und Stromanschlüsse und ohne Baugenehmigungen.


Skanderberg-Platz
Auf dem Skanderbeg-Platz befinden sich ein Museum, das Tirana International Hotel, der Kulturpalast und die Bank von Albanien


Veränderung des öffentlichen Lebens
Nach der Wende entstanden in Tiranas Kernstadt praktisch über Nacht Kioske, Cafés, Gastgärten und Marktbuden. Außerdem ergab sich durch die abrupt einsetzende Motorisierung eine gänzliche Veränderung des öffentlichen Lebens auf Straßen und Plätzen. Im Kommunismus hatten FußgängerInnen, RadfahrerInnen und vereinzelte Lastkraftwagen ein gemächliches Stadtbild geboten. Nach dem politischen Umbruch erwarb nahezu jeder ein eigenes Auto. Auf den breiten Straßen und Plätzen, die im Zuge der italienisch geprägten Stadterweiterung der 1930er und 1940er Jahre angelegt worden waren, entstand binnen kürzester Zeit ein chaotisches Verkehrsgewirr.

Große Bilder alter Stadtansichten und zeitgenössische Aufnahmen treten in der Ausstellung in einen visuellen Dialog, der die in Plänen schwer fassbare bauliche Realität Tiranas erst sichtbar macht.


Sport Palast 1966
Der Sport Palast von Architekt Koço Miho aus dem Jahr 1966




Info:
Tirana – Planan Bauen Leben
Bis 17. September 2010

Ausstellungszentrum im Ringturm
Vienna Insurance Group
1., Schottenring 30

Mo–Fr 9–18h (an Feiertagen geschlossen)
Eintritt frei
www.vig.com

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